Interview mit Kinder- und Jugendliteratur-Professor Dr. Thomas Boyken
Kinder und Großeltern als Außenseiter
Als Professor für Kinder- und Jugendliteratur an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg beschäftigt sich Prof. Dr. Thomas Boyken häufig mit Fragen des Alters. Wie jüngere und ältere Menschen in der Literatur abgebildet werden, über den Nostalgiefaktor von Kinderfiguren und darüber, wie sich ihre Darstellung im Laufe der Zeit verändert hat.
Herr Boyken, inwiefern begegnet Ihnen das Thema „Generationen“ in Ihrer Forschung?
Generationale Aspekte sind ein mittelbares Thema in der Kinder- und Jugendbuchliteratur, denn diese Texte handeln von Altersgruppen und ihren Beziehungen zueinander. Das beginnt bereits bei der Zielgruppe. Kinder- und Jugendbücher setzen sich aber nicht nur mit Fragen des Kindseins auseinander, sondern zum Beispiel auch damit, was es bedeutet, Großmutter oder Großvater zu sein. Eltern tauchen oftmals gar nicht auf oder haben die Funktion, die Kinder zu verstoßen, damit sie handlungsfähig werden können. Und auch das Stereotyp der bösen Stiefmutter begegnet uns häufig.
Wie werden ältere Menschen und ihre Beziehung zur jungen Generation dargestellt?
Im Gegensatz zu den abwesenden Eltern übernehmen Großeltern oft eine wichtige emotionale oder erzählerische Funktion. Sie sind häufig sehr positiv dargestellte Figuren. Ihre Nähe zu den Kindern erwächst daraus, dass beide Gruppen außerhalb der Erwerbstätigkeit stehen und in unserer Gesellschaft – aus verschiedenen Gründen – gewissermaßen eine Außenseiterrolle einnehmen oder das „Andere“ darstellen. Auch wenn sie als Wegbereitende oder Beratende auftreten, begegnen sie den Kindern auf Augenhöhe.
Im Kontrast dazu – wie nehmen Sie die Darstellung der älteren Generation in anderen Medien wie Film und Fernsehen wahr?
Im Grunde bewegt sich die Darstellung dort oft zwischen zwei Extremen: Auf der einen Seite stehen ältere Menschen, die als aktiv, fit und attraktiv dargestellt werden. Dieses Bild findet sich häufig auch in Werbung und sozialen Medien. Auf der anderen Seite das Narrativ der gebrechlichen, hilfsbedürftigen oder senilen Person. Dazwischenliegende Lebensrealitäten werden deutlich seltener sichtbar. Alter an sich ist keine feste Kategorie. Denn: Ab wann gilt man eigentlich als alt?
„Kinderbuchlitertur ist immer auch als Seismograph gesellschaftlicher Entwicklungen zu verstehen: Auf welche Werte und Normen können wir uns einigen?“
Und welche Rolle kommt Kindern in der Kinder- und Jugendbuchliteratur zu?
Zunächst einmal sind literarische Kinderfiguren keine direkten Abbilder realer Kinder. Mit ihnen wird nie echtes Kinder-Leben dargestellt, sondern immer nur eine Vorstellung davon. Das ist insofern spannend, als dass wir alle einmal Kinder waren, uns höchstens an diese Lebensphase erinnern, aber nicht dorthin zurückkehren können. Deshalb wird in Kinderbüchern oftmals mit dieser Nostalgie operiert.
Wie Kindsein interpretiert wird, spiegelt auch immer die Wahrnehmung der Autorinnen und Autoren zu einer bestimmten Zeit wider. Im ausgehenden 18. Jahrhundert erscheinen Kinderfiguren ganz im Sinne der Aufklärung als wissbegierig und erziehungsbedürftig. In der Romantik werden sie stärker mit Magie, Natur und einer verlorenen Ganzheit des Menschen verbunden. Heute gilt das Kind häufig als „das Andere“ des Erwachsenen – als positiv naive, irrationale und noch nicht vollständig rationalisierte Figur. In unserer sehr rationalen und effizienten Welt verfügen Kinder noch über magisches Denken. Und damit ist unsere Kindheitsvorstellung sehr nach an der Romantik.
Was macht kindgerechte Literatur aus? Und welche Verantwortung kommt hier Eltern, Schulen und Verlagen zu?
Diese Frage ist auch auf einer übergeordneten Ebene interessant, denn insbesondere Kinderbuchliteratur ist immer auch als ein Seismograph gesellschaftlicher Entwicklungen zu verstehen. Was wir als kindgerecht empfinden und was nicht, sagt sehr viel über uns als Gesellschaft aus, auf welche Werte und Normen wir uns verständigen können. Nehmen wir zum Beispiel die brutale Geschichte des Struwwelpeter von Heinrich Hoffmann oder Pippi Langstrumpf von Astrid Lindgren, bei der die Inselbevölkerung – vorsichtig ausgedrückt – sehr kolonialistisch dargestellt wird. Abgesehen von der Debatte, ob Kunst alles darf oder eben auch Grenzen haben muss, gehen hier die Meinungen stark auseinander. Traumatisieren diese Themen Kinder? Oder ist die Darstellung so überzeichnet, dass ein gewisser Humor erzeugt wird und Kindern beim Lesen klar wird, das sie nicht die Realität abbildet?
Wie bei anderen Medien besteht hier aus meiner Sicht die Hauptaufgabe von Eltern, aber auch von Schulen und anderen Erziehungseinrichtungen darin, eine gewisse Medienkompetenz zu vermitteln. Und das Feld der Kinder- und Jugendliteratur ist breit – hier können Eltern schon durch die Auswahl der Bücher Einfluss nehmen.
ABOUT
Prof. Dr. Thomas Boyken
ist seit 2023 Professor für Kinder- und Jugendliteraturwissenschaft am Institut für Germanistik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.
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