„Wir sind einfach da. Für Kinder und Jugendliche, Eltern und auch Großeltern.“

Christopher Raffenberg
Eine Gruppe von Kindern zeigt mit den Fingern nach innen und formt Friedenszeichen um eine Person, die ein "Ferienbetreuung"-Shirt trägt, auf dem nur Hände, Arme und teilweise Beine zu sehen sind - ein Zeichen für die Unterstützung und Hilfe für Familien durch den Kinderschutzbund Ammerland während der Ferienbetreuung.

Kinderschutzbund Ammerland

Immer da, ganz ohne Wertung

Ob Unterstützung bei Todesfällen oder Krisen in der Familie, Gewaltprävention an Schulen oder Anlaufstelle für Spaß und Gemeinschaft: Seit 1981 setzt sich der Kinderschutzbund Ammerland e. V. für die Belange von Kindern und Jugendlichen sowie ihren Angehörigen ein. Geschäftsführer Christopher Raffenberg und Maike Kopp, systemische Therapeutin, verraten uns, wie der Verein genau unterstützt, warum Transparenz das oberste Gebot ist und welche Momente ihnen die Wichtigkeit ihrer Arbeit vor Augen führen.

Maike und Christopher, für alle, denen der Verein und seine Arbeit noch nichts sagt – könnt ihr uns erklären, worin genau die Aufgabe des Kinderschutzbund Ammerland besteht?

Der Kinderschutzbund Ammerland kümmert sich um Kinder und Jugendliche. Im Grunde verstehen wir uns als ihre Lobby, die sich um all die Anliegen und Interessen kümmert, die sie betreffen. Das möchten wir alles mit ihnen gemeinsam bearbeiten, ihnen zur Seite stehen.

„Bei uns wird keiner bewertet.“

Maike Kopp

Könnt ihr uns einen Einblick in eure Arbeit geben? Wie hat sie sich in den letzten Jahren verändert?

Wir können zum Glück auf eine gute Basis aufbauen, ein Angebot, das sich dauerhaft bewährt hat. Unsere sozialpädagogische Tagesgruppe gibt es schon seit der Gründung 1981. Ihr Ziel ist es, die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen durch soziales Lernen in der Gruppe, Begleitung der schulischen Förderung und Elternarbeit zu unterstützen und dadurch den Verbleib des Kindes oder des Jugendlichen in seiner Familie sichern. Kurz danach kam die sozialpädagogische Familienhilfe zum Kinderschutzbund dazu. Sie orientiert sich stark sich am Wohl des Kindes und an der Sicherung und Wiederherstellung der Erziehungsfunktion der Familie. Ein Hauptfokus besteht darin, die Handlungskompetenz der Eltern zu stärken und Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Auch die Gewaltberatungsstelle und die Familienberatungsstelle, in der Maike arbeitet, bieten wir schon seit vielen Jahren an.

Was sich verändert, sind die offenen Angebote – die richten sich teilweise an die Kinder selbst, manche aber auch an Kinder und ihre Eltern. Das Besondere daran ist, dass es dafür keine Anmeldung braucht und die Angebote Kindern und Jugendlichen kostenfrei zur Verfügung stehen. Was wir hier anbieten, hat sich schon verändert, weil wir mit dem Zeitgeist gehen wollen. Aber sowas wie das „Café Kinderwa(a)gen“, das wir schon seit jeher haben, ist bei uns ein Dauerbrenner und richtig gut besucht, teilweise mit Wartelisten. Wir bieten es in allen sechs Gemeinden im Landkreis Ammerland als wöchentlichen, offenen und unverbindlichen Babytreff an. Mütter, Väter oder auch Großeltern können mit ihrem (jungen) Kindern zu uns kommen und alle Themen rund ums Thema Baby besprechen sowie sich mit anderen Eltern vernetzen. Dazu sind in der Regel jeweils ein Sozialpädagoge oder eine Sozialpädagogin und eine (Familien-)Hebamme vor Ort.

Ihr habt bereits angesprochen, dass die Angebote kostenfrei zur Verfügung stehen. Wie finanziert ihr euch? Und kann man eure Arbeit unterstützen?

Wir finanzieren uns zum Teil aus Spenden. Natürlich werden wir auch vom Landkreis Ammerland sowie vom Land Niedersachsen unterstützt – insbesondere, wenn wir Aufgaben im Bereich Kinder- und Jugendhilfe übernehmen. Wir sind aber auch sehr stark auf Spenden oder auch Bußgelder sowie ehrenamtliche Mitarbeit angewiesen. Das hilft uns enorm.

Eine grasbewachsene Wiese mit verstreutem Spielzeug, Eimern und Stöcken im Vordergund. Im Hintergrund ein weißes Spielemobil des Kinderschutzbundes Ammerland und mehrere Personen, die sich unter Bäumen versammeln und Familien in der Nähe eines Hauses Hilfe anbieten.

Kann man sich jederzeit an euch wenden? Und in welchen Situationen?

Zur ersten Frage: Auf jeden Fall. Wir haben immer ein offenes Ohr und sind immer für die Menschen da. In herausfordernden Situationen, zum Beispiel in einer Krise oder bei einem Todesfall, kann man sich einfach bei uns in der Beratungsstelle melden. Wir hören erstmal zu, versuchen zu verstehen, wo die Problematik ist und wie wir unterstützen können. Ganz wichtig ist es uns, mit einer neutralen Haltung an die Menschen heranzutreten. Bei uns wird keiner bewertet. Wir bringen Eltern, Kindern und Jugendlichen ein wirklich großes Verständnis entgegen und versuchen da abzuholen, wo sie gerade sind.

Aber auch in weniger ernsten Situationen sind wir da. Unser Angebot lautet manchmal auch einfach: Kommt vorbei, vergnügt euch, habt bei uns eine gute Zeit. Und wir sind übers Ammerland auch gut verteilt: Neben unserer Geschäftsstelle in Westerstede in der Poststraße 18 haben wir die Tagesgruppe bei Hausnummer 20.
Gleichzeitig sitzt die Beratungsstelle in Bad Zwischenahn. Das schon angesprochene Café Kinderwa(a)gen haben wir zum Beispiel in allen sechs Gemeindeteilen.

Ein schwarzer Topf mit kleingeschnittenem Gemüse wie Karotten, Kartoffeln und Paprika kocht über einem Feuer im Freien auf einem Grill. In der Nähe hilft ein Mitarbeiter des Kinderschutzbundes Ammerland den Familien dabei, das Erlebnis zu genießen, während Holz und Holzkohle die Flammen anheizen.

„Wenn jemand spendet, dann soll das Geld auch bei den Kindern im Ammerland bleiben.“

Christopher Raffenberg

Leistet ihr auch Präventionsarbeit, zum Beispiel in Schulen?

Ja, wir haben in diesem Bereich zwei Angebote. Erstmal besuchen wir mit unserem Projekt „Mut tut gut“ vormittags Schulen und sensibilisieren Kinder zum Thema Gewalt. Was ist eigentlich Gewalt, emotional wie körperlich? Wir sprechen mit ihnen auch über Kinderrechte, was oft total bezaubernd ist. Denn viele Kinder sind da schon sehr gut aufgestellt. Manche wissen aber weniger darüber. Wir versuchen dann durch unterschiedlichste Methoden, den Kindern mehr Stärke und Mut beizubringen. Sie arbeiten da immer toll mit und das zu sehen, macht den Workshop sehr schön, auch für uns.

Das zweite Angebot sind Fortbildungen für Lehrpersonen, weil sie insbesondere im Bereich sexuelle Entwicklung, aber auch Kindeswohlgefährdung, häufig viele Fragen haben. Und da möchten wir natürlich auch unterstützen und freuen uns, wenn wir dem ganzen Kollegium etwas bieten können.

Ein Mann steht lächelnd hinter Tischen mit Broschüren und Artikeln an einem Außenstand des Kinderschutzbundes Ammerland. Auf Bannern sind Informationen und Fotos zu sehen, die für die Hilfe für Kinder und Familien der Organisation werben.

Welche Rolle spielt das Thema Transparenz in eurer Arbeit?

Eine große, wenn man mit Jugendlichen und insbesondere Kindern arbeitet. Wir müssen mit allen Parteien transparent sein. Vor allem natürlich mit den Eltern, mit denen wir kooperieren. Wenn wir zum Beispiel ein Kind in der Tagesgruppe haben und etwas entscheiden wollen, holen wir uns natürlich auch das Einverständnis der Eltern ein. Wir sprechen auch mit Schulen und Therapeuten, damit sie jederzeit wissen, an welchen Zielen wir gerade arbeiten. Denn wir möchten vermeiden, dass Eltern sich dabei nicht abgeholt fühlen.

Für uns ist es enorm wichtig, immer unsere Prozesse klar und offen zu kommunizieren. Das gilt auch für Spenden. Spendet jemand zum Beispiel für einen ganz bestimmten Bereich, dann ist es für uns eine Selbstverständlichkeit, im Nachhinein zu informieren, wofür das Geld ausgegeben wurde und was die Spende bewirkt hat. Uns ist es extrem wichtig, dass die Unterstützung nicht irgendwo versickert. Wenn jemand spendet und uns unterstützt, dann soll das Geld auch bei den Kindern im Ammerland bleiben.

 

Um noch einmal zum Thema Offenheit zurückzukommen: Wenn Kinder mit euch sprechen, seid ihr dann verpflichtet, die Eltern zu informieren?

Natürlich kann jedes Kind erstmal in einem geschützten Raum mit uns reden. Aber es gibt auch rechtliche Bereiche, in denen wir verpflichtet sind, weitere Stellen zu informieren. Zum Beispiel bei kindeswohlgefährdenden Aspekten. Dann müssen wir natürlich handeln. Aber auch hier ist es im Sinne der Transparenz ganz wichtig, unsere Rolle zu benennen. Wie genau wir das tun, kommt immer ein wenig auf das Alter und Verständnis des Kindes oder des Jugendlichen an. Wir benennen dann, dass wir hier in einer Beratungsstelle sind, welche Rolle wir in der Situation haben und auch, wenn es hier um Kindeswohlgefährdung geht und wir das melden müssen, um zu schützen.

 

Gibt es besondere Momente, die euch immer wieder zeigen, wie wichtig eure Arbeit ist?

Auf jeden Fall. Um ein Beispiel zu nennen, gerade kommen viele Elternpaare auf uns zu, die sich trennen, und bei denen auch die Kinder beziehungsweise Jugendlichen sehr unter der Konfliktbelastung leiden. Hier ist es sehr schön zu sehen, wie Familien zusammenarbeiten, um die vorhandenen Probleme zu lösen, und das Hauptaugenmerk auf ihre Kinder legen.

Es ist für uns auch ein riesiges Lob, wenn Kinder, die zum Beispiel in der Tagesgruppe waren, nach längerer Zeit wieder zurückkommen, weil sie unser Angebot wertvoll finden und etwas mitnehmen. Auch bei den Workshops passiert es immer wieder, dass Kinder im Nachgang den Mut haben, sich zu öffnen, und Dinge zu benennen, mit denen es ihnen nicht gut geht, und sich dann zum Beispiel an die Schulsozialarbeit wenden.
Dann haben wir viel erreicht und merken, dass unsere Arbeit etwas bewirkt, was auch die Schule und die Gesellschaft wahrnehmen.

 

Gerade, wenn ihr euch mit schwierigen Themen wie Gewalt befasst: Wie grenzt ihr euch persönlich davon ab?

Insbesondere, wenn es um Gewalt geht, nehmen wir die Arbeit schon auch mal mit nach Hause. Das geht nicht anders und wir würden auch sagen, dass das die Professionalität in diesem Beruf ausmacht. Wir haben es hier mit herausfordernden Situationen und Geschichten zu tun. Wir arbeiten nicht mit Akten (was wir hier auch gar nicht bewerten wollen). Aber es bleibt uns im Kopf und das ist auch gut so. Nur wenn wir darüber nachdenken, können wir diesen Familien helfen und Veränderung bewirken. Natürlich versuchen wir, ab einem gewissen Punkt abzuschalten. Aber manchmal kommen einem einfach auch noch Ideen, wenn man dann auf dem Heimweg oder auf dem Spaziergang ist und etwas sieht, das einen an eine bestimmte Situation erinnert. Dann denken wir: Das könnte man nochmal in dem Fall probieren, ich könnte noch den Hinweis geben, da könnte man nochmal nachfragen. Aber man muss natürlich auch für sich sorgen und sich aktiv Zeit für sich selbst und seine Familie nehmen. Das muss man auch erst lernen, es für den Moment auch mal gut sein zu lassen.

Danke für eure wichtige Arbeit und das Gespräch. Gibt es zum Schluss noch etwas, das ihr gerne unseren Leserinnen und Lesern mitgeben möchtet?

Gerne jederzeit melden. Wir sind einfach da. Für Kinder und Jugendliche, Eltern und auch Großeltern. Meldet euch bei uns, wenn wir helfen können, und wenn das auch nur bedeutet, an einen anderen Ansprechpartner zu verweisen oder einfach nur zuzuhören und zu verstehen. Wir möchten noch einmal betonen, dass es unser Anliegen ist, zu helfen. Nicht die Situation zu bewerten oder zu verurteilen. Also sucht gerne den direkten Draht zu uns!

Zwei Frauen sitzen sich an einem dunklen Tisch mit einem bunt gestreiften Läufer gegenüber, in einem hellen Raum mit großen Fenstern und Bäumen draußen. Die eine macht sich Notizen, die andere hört zu - und bietet Hilfe für Familien beim Kinderschutzbund Ammerland an.
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