„Abenteuer fängt dann an, wenn wir das kartografierte Gebiet verlassen.“
Dipl.-Psych. Dr. phil. Matthias Probandt über Abenteuer
„Abenteuer fängt dann an, wenn wir das kartografierte Gebiet verlassen.“
Als Psycho- und Hypnotherapeut, Coach, Mediator sowie Supervisor begleitet Dipl.-Psych. Dr. phil. Matthias Probandt regelmäßig Klientinnen und Klienten, die sich aus ihrer Komfortzone wagen – zum Beispiel Führungskräfte, Paare in Konfliktsituationen oder Menschen mit Angststörungen. Er verrät uns, warum Abenteuer in der menschlichen Natur liegen und was bei neuen Erlebnissen in unserem Kopf passiert.
Dr. Probandt, was bedeutet denn eigentlich Abenteuer?
Abenteuer ist ein sehr subjektiver und individueller Begriff – ist so vielfältig, wie es Menschen sind. Er umfasst eigentlich alles, was den Einzelnen oder die Einzelne aus seiner oder ihrer Komfortzone herausholt. Ganz entscheidend ist dabei auch der Startpunkt des Individuums und was es als Herausforderung versteht. Deshalb denke ich nicht, dass wir eine übergreifende Definition für Abenteuer finden können.
Sich in eine (Paar-)Beziehung zu begeben, ist schon ein großes Abenteuer. Für jemanden, der viel Angst hat und manche Situationen vermeidet, kann das Durchfahren eines Tunnels oder das Verlassen des Hauses, ohne den Herd fünf Mal zu prüfen, einer Mount-Everest-Besteigung gleichen. Aber es gibt auch Menschen, die sich ganz bewusst in Situationen begeben, in denen es gefährlich wird. Die Berge besteigen, Ozeane durchqueren, schwarze Pisten herunterfahren oder Höhlen erforschen. Das ist ein „von…bis“, sehr subjektiv.
Ich vergleiche das gerne mit einem Navigationssystem im Auto: Abenteuer fängt da an, wo das Gerät anzeigt, dass man das kartografierte Gebiet verlässt und bitte wenden soll. Das ist die Grenze, an der Abenteuer beginnt.
Gehören Abenteuer also zum Leben? Welchen Zweck erfüllen sie für uns?
Zu einem erfüllten Leben gehören unbedingt Abenteuer. Wir sind als Menschen so gestrickt, dass wir – wenn wir uns nicht ständig erweitern oder unseren Horizont vergrößern – nicht nur stagnieren, sondern uns zurückentwickeln. In der Psychologie sprechen wir von Passung: Wir brauchen 20 Prozent Überforderung, um etwas Neues zu lernen. Bewegen wir uns darunter, fühlt es sich langweilig oder monoton an, bewegen wir uns darüber, sind wir überfordert und frustriert, wollen vielleicht sogar Abstand nehmen von der Sache, mit der wir uns befassen. Aber bei den 20% Überforderung, genau da fängt das Abenteuer an.
Sich dagegen nicht in Abenteuer zu begeben, ist eine starke degenerative Kraft. Jemand, der sich nie intellektuell herausfordert, wird in zehn Jahren keinen geraden Satz mehr sagen können – überspitzt formuliert. Aber es ist bei allem, in der Schule wie beim Bergsteigen oder Drachenfliegen, immer dasselbe Prinzip: Da wo ich mich eingerichtet habe, weil ich etwas begriffen habe und schon kann, da bilde ich mich zurück.
Wir starten also alle ständig von unterschiedlichen Ausgangspunkten. Ist es auch deshalb für uns so subjektiv, was Abenteuer bedeutet?
Genauso ist es. Eine Tendenz, die uns Menschen innewohnt und auch gesund ist, ist die Krux, dass das, was wir schon können, zur neuen Nulllinie wird – für all das, was wir noch lernen wollen oder sollen. Jemand der beginnt, Berge zu besteigen, wird sich, nachdem er einen 1000er bezwungen hat, nicht mehr damit zufrieden geben. Er möchte dann auf den 3000er, später auf dem 5000er oder sogar in den Himalaya, und so weiter. Je mehr man kann, desto größer wird das Spektrum der nötigen Herausforderungen, die man braucht, um sich in neue Situationen bringen zu können.
„Wir brauchen 20 Prozent Überforderung, um etwas Neues zu lernen.“
Sie haben es bereits selbst angedeutet – liegt dieser Drang nach Abenteuer in unserer Natur als Mensch?
Ja. Die Antworten darauf liefert die Phylogenese, die Entwicklung der Menschheitsgeschichte von der Kaulquappe bis zum heutigen Menschen. Sie zeigt, dass alle Lebewesen explorieren, ihre Umwelt erkunden. Das beobachten wir schon bei Kleinkindern. Würde das Kind sich nicht ausprobieren wollen, nur dasitzen und aus dem Fenster gucken, nicht sprechen oder laufen lernen wollen – dann wäre das ein Krankheitsbild. Im Übrigen lassen sich die meisten psychischen Krankheitsbilder wie Depression, Angststörungen oder Burnout darauf reduzieren, dass Menschen nicht in die bereits genannte Passung gehen können, nicht bereit sind, sich zu überfordern.
Jeder Blick auf die menschliche Evolution zeigt, dass wir unermüdlich unsere Entwicklung beschleunigen wollen, nie zufrieden sind. Man stelle sich vor, die Menschen wären nach der Erfindung des Rads oder den ersten Höhlenmalereien schon zufrieden gewesen und hätten sich nicht mehr weiterentwickelt. Wir sehnen uns immer nach etwas Größerem, wollen unseren Raum, unsere Klugheit und auch unsere Lebensspanne erweitern. Diese Evolution beschleunigt sich immer weiter. Heute entwickeln wir Dinge in zehn Jahren, für die wir früher noch 100 gebraucht hätten. Kurzum: die Abenteuerlust ist ein typisch menschlicher Zug. Sie ist keine Entscheidung, sondern gehört zu unserer Natur.
Was passiert in unserem Kopf, wenn wir dieser Abenteuerlust nachgeben und uns aus der Komfortzone wagen?
Dazu machen wir einen Ausflug in die Neurobiologie. Früher dachte die Wissenschaft, dass die Entwicklung unseres Gehirns in jungen Jahren abgeschlossen ist. Neurozellen sind unsterblich. Mittlerweile wissen wir aber, dass sich ständig neue Verknüpfungen im Gehirn bilden – der Fachbegriff dafür lautet Neuroplastizität. Sie ist noch viel größer, als wir bisher angenommen haben.
In unserem Gehirn springt ein mikroelektrischer Impuls von einer Nervenzelle auf die andere über, wenn sich ein Aktionspotenzial bildet. Und das geschieht, indem wir Erfahrungen machen. Jedes Lernen, jede Erfahrung schafft neue synaptische Verbindungen. Wenn wir also Abenteuer erleben, wird das Gehirn so stimuliert, dass es sich neu konfiguriert. Will man ein „neurologisches Feuerwerk“ im Kopf haben, sollte man immer etwas probieren, was man noch nicht kann. Tut man das dagegen nicht, degeneriert man.
Um diese Erkenntnisse nun in unserem Alltag umzusetzen – was können wir tun, um uns herauszufordern?
Ein persönliches Beispiel: Ich bin mit einer englischsprachigen Mutter aufgewachsen und spreche Stand heute fünf Sprachen. Aktuell lerne ich Hebräisch, weil mich die Sprache immer schon interessiert und fasziniert hat. Ein intellektuell forderndes Buch zu lesen, sich Fachwissen auf einem Gebiet anzueignen, ein Studium zu beginnen oder sich Ängsten zu stellen: Hauptsache wir überfordern uns regelmäßig, damit wir nicht stehenbleiben!
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