„Wir möchten Mädchen Perspektiven, Gemeinschaft und ein Stück Zuhause geben.“

Bayram Evin, Trainer FC Medya
Auf einem Fußballplatz vor einem Tor steht eine Gruppe von Menschen und reckt jubelnd die Hände in die Höhe; eine Person hält dabei ein rotes Trikot mit der Nummer 3 in der Hand.

Wie der FC Medya Mädchen stärkt

Mehr als nur Fußball

Dienstagabend, ein Sportplatz in Kreyenbrück. Bälle werden hin- und hergepasst, Spielerinnen laufen Drills um Hütchen, dazwischen ruft eine Stimme Anweisungen über das Fußballfeld. Trainer Bayram Evin steht am Spielfeldrand und verfolgt jede Aktion seiner Mannschaft. Seit November 2025 gibt es beim FC Medya nun auch eine Mädchenmannschaft – innerhalb eines kurdisch geprägten Vereins eine Besonderheit in Deutschland.

Angefangen hat alles mit einer Frage, die sich immer wieder stellte. „Der konkrete Auslöser waren zahlreiche Anfragen von Eltern und Mädchen aus unserem Stadtteil“, erzählt Bayram Evin. „Uns wurde schnell bewusst, dass es in Kreyenbrück einen großen Bedarf für ein Mädchenfußballangebot gibt.“ Viele Mädchen wollten längst spielen, fanden aber keinen Zugang – oder trauten sich nicht, sich bestehenden Mannschaften anzuschließen.

Der FC Medya, der bis dahin ausschließlich aus Herren- und Jugendmannschaften bestand, sah darin mehr als eine sportliche Lücke. „Als Verein verstehen wir uns nicht nur als Sportanbieter, sondern auch als sozialen Akteur im Stadtteil“, so Evin. „Die Gründung der Mädchenmannschaft war für uns deshalb ein logischer und wichtiger Schritt.“

Fußball als gelebte gesellschaftliche Verantwortung

Die Initiative ging maßgeblich von Bayram Evin selbst aus. Er engagiert sich seit Jahren ehrenamtlich und ist überzeugt: Vereine tragen eine wichtige gesellschaftliche Verantwortung. „Mir war wichtig, Mädchen unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem finanziellen Hintergrund oder ihren bisherigen Erfahrungen eine Chance zu geben, Teil einer Gemeinschaft zu werden“, sagt er. Also trieb er den Aufbau selbst voran – und übernahm das Traineramt.

Bekannt gemacht wurde das neue Angebot über soziale Medien, persönliche Netzwerke, Schulen und Mundpropaganda. Die Resonanz übertraf alle Erwartungen. „Der große Zuspruch zeigt, wie hoch der Bedarf in Kreyenbrück und den umliegenden Stadtteilen tatsächlich ist“, sagt Evin. „Viele Familien haben sich ein solches Angebot seit Jahren gewünscht.“ Gleichzeitig spreche sich herum, dass beim FC Medya nicht nur die sportliche Leistung zähle, sondern jedes Mädchen willkommen sei und individuell gefördert werde.

Wer heute im Training vorbeischaut, trifft eine sehr gemischte Gruppe: Die Spielerinnen sind zwischen elf und 18 Jahren alt, manche bringen bereits Vorerfahrung aus anderen Vereinen mit, andere haben mit dem FC Medya überhaupt erst zum Fußball gefunden.

Ein Mädchen mit Pferdeschwanz, das ein Medya-Shirt trägt, schaut sich ein Jugendfußballspiel an, das gerade auf einem grünen Rasen stattfindet; im Hintergrund sind mehrere Kinder und Bäume zu sehen.
Eine Gruppe von Mädchen in Sportkleidung steht auf einem Fußballplatz, jede mit einem Fußball in der Hand, lächelt und unterhält sich während des Trainings. Im Hintergrund sind Bäume und ein Torpfosten zu sehen.
Mädchen spielen Fußball auf einem grünen Feld; ein Mädchen in einem weißen Trikot schießt den Ball, während andere in der Nähe stehen oder herumlaufen. Im Hintergrund sind unter einem bewölkten Himmel Bäume und ein Torpfosten zu sehen.

Offen für alle Nationalitäten

Die kurdische Geschichte des Vereins ist wichtiger Teil seiner Identität – aber kein Zugangskriterium. Im Team spielen Mädchen unterschiedlichster familiärer und kultureller Hintergründe zusammen. „Besonders schön ist, dass Spielerinnen unterschiedlichster Herkunft miteinander Fußball spielen, voneinander lernen und gemeinsam wachsen“, sagt Evin. Viele Mädchen hätten durch die Mannschaft neue Freundschaften gefunden und träfen sich längst auch außerhalb des Trainings. Und: „Oft sagen die Eltern, dass ihre Töchter nicht nur sportlich stärker geworden sind, sondern auch selbstbewusster auftreten. Genau das möchten wir erreichen.“

Dass es dabei nicht nur um Fußball geht, wird schnell klar, wenn Evin über den Trainingsalltag spricht. „Fußball steht natürlich im Mittelpunkt. Gleichzeitig sehen wir uns auch als Ansprechpartner für die Mädchen“, sagt er. Respekt, Fairness, Selbstvertrauen, Integration, gesellschaftliches Miteinander – all das habe im Training seinen festen Platz. „Wir möchten nicht nur Fußballerinnen ausbilden, sondern junge Menschen dabei unterstützen, sich zu selbstbewussten und verantwortungsvollen Persönlichkeiten zu entwickeln.“

Dazu gehört auch, dass sich die Spielerinnen regelmäßig an Vereinsveranstaltungen, Stadtteilaktionen und sozialen Projekten beteiligen. „Dabei geht es uns darum, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und den Mädchen zu vermitteln, dass Gemeinschaft mehr ist als Fußball.“ Sie lernen, sich einzubringen, Verantwortung zu übernehmen und Teil eines größeren Ganzen zu sein.

„Oft sagen die Eltern, dass ihre Töchter nicht nur sportlich stärker geworden sind, sondern auch selbstbewusster auftreten. Genau das möchten wir erreichen.“

Bayram Evin, Trainer FC Medya

Erste Spiele, erste Erfolge

Seit März 2026 nimmt die Mannschaft offiziell am Spielbetrieb teil und tritt gegen etablierte Teams aus Oldenburg und der Region an – nach Freundschaftsspielen und einem ersten Turnier bereits im Winter, bei dem viele Spielerinnen zum ersten Mal überhaupt für einen Wettkampf auf dem Platz standen. „Schon allein das ist für unsere noch junge Mannschaft ein großer Erfolg“, sagt Evin. „Besonders beeindruckend ist die Entwicklung der Mädchen: Mit viel Ehrgeiz, Fleiß und Teamgeist haben sie in kurzer Zeit enorme Fortschritte gemacht. Darauf sind wir als Verein sehr stolz.“

Zu den Meilensteinen der vergangenen Monate zählt Evin neben der Gründung selbst vor allem die schnelle Gewinnung zahlreicher Spielerinnen, die ersten Freundschaftsspiele und Turniere, gewonnene Sponsoren und Unterstützer – und eine wachsende Anerkennung im Stadtteil. „Besonders stolz macht uns, dass aus einer Idee innerhalb kurzer Zeit eine lebendige Gemeinschaft geworden ist“, kommentiert er die Entwicklung. Ein weiteres Highlight: der Besuch von Profi-Fußballerin Melissa Friedrich von Bayer 04 Leverkusen, die gemeinsam mit den Mädchen trainierte und spannende Einblicke in den Alltag als Spielerin gab.

Getragen wird der FC Medya bislang komplett ehrenamtlich. Der Verein finanziert sich über Mitgliedsbeiträge, Sponsoren, Fördermittel und Spenden. Evins Arbeit als Trainer – wie die vieler anderer Helferinnen und Helfer im Verein – erfolgt ohne Bezahlung. „Ohne dieses Engagement wäre unsere Arbeit nicht möglich“, sagt er. „Wir investieren sehr viel Zeit, weil wir davon überzeugt sind, dass unsere Jugendarbeit einen echten Mehrwert für den Stadtteil schafft.“

Nächstes Ziel: Vereinsheim

So groß der Zuspruch ist, so deutlich sind auch die Grenzen des Wachstums. Die größte Herausforderung sieht Evin in den räumlichen Rahmenbedingungen: Mit steigenden Mitgliederzahlen wächst auch der Bedarf an geeigneten Räumen – vor allem an einem eigenen Vereinsheim. Dort, so die Vorstellung, könnten künftig Hausaufgabenhilfe, Elternabende, Schulungen, Integrationsprojekte, Teambesprechungen und soziale Angebote stattfinden, unabhängig vom Trainingsbetrieb. „Der Bedarf dafür ist in Kreyenbrück enorm und wächst stetig“, sagt Evin.

An Rückhalt aus dem Stadtteil mangelt es dem Verein nicht – von Eltern, Sponsoren, Ehrenamtlichen und Menschen aus dem Viertel. „Gleichzeitig wünschen wir uns noch mehr Unterstützung bei infrastrukturellen Themen“, sagt Evin. „Gerade die Schaffung eines Vereinsheims würde unsere Jugendarbeit auf ein völlig neues Niveau heben.“ Damit, so seine Hoffnung, könnte der Verein seine Rolle als sozialer Treffpunkt für Kinder, Jugendliche und Familien im Stadtteil noch besser erfüllen.

Für Bayram Evin geht es dabei um mehr als Tabellenplätze. „Mein Wunsch ist, dass wir möglichst vielen Mädchen langfristig eine sportliche und persönliche Heimat bieten können“, sagt er. Sportlich wolle man sich weiterentwickeln und den Mädchen die bestmöglichen Trainingsbedingungen bieten – mindestens genauso wichtig sei ihm jedoch die soziale Komponente: Integration fördern, Kinder und Jugendliche stärken, Familien zusammenbringen. „Denn unser Ziel ist nicht nur, erfolgreiche Fußballerinnen auszubilden – wir möchten jungen Menschen Perspektiven, Gemeinschaft und ein Stück Zuhause geben.“

Zwei Fußballtrainer stehen auf einem Spielfeld, wobei jeder mit einem Fuß auf einem Fußball steht, während im Hintergrund eine Gruppe von Spielern trainiert. Das Spielfeld ist von Bäumen umgeben, und der Himmel ist bewölkt.
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