Altes Wissen, frisches Grün
Kräutergarten vor der Haustür
Brennnessel im Eintopf, Holunderblüten im Sirup, Löwenzahn auf dem Brot: Für Melanie Friedenberger-Traidl (46) beginnt Kräuterwissen nicht in der Apotheke, sondern in der Küche. Die Wildpflanzenexpertin hat nahe Vechta die „Wildwuchs – Natur- und Kräuterwerkstatt“ aufgebaut. Dort gibt sie weiter, was für frühere Generationen selbstverständlich war: Pflanzen erkennen, sammeln und nutzen.
Brennnessel, Holunder und Co.
„Gutes Essen ist immer mit Kräutern gewürzt“, findet Friedenberger-Traidl. Vieles, was heute als Superfood verkauft wird, wächst direkt vor der Haustür. Ein Beispiel ist die Brennnessel: Blätter, Samen und Wurzeln lassen sich verwenden. Eine Handvoll junge Blätter, klein gehackt und in einen heißen Eintopf gegeben, reicht schon. Durch Hitze, Trocknen oder den Mixer verlieren die Brennhaare ihre Wirkung.
Auch Holunder gehört für Friedenberger-Traidl zu den unterschätzten Klassikern. Früher stand er an vielen Häusern und Scheunen, heute kennen ihn viele vor allem als Sirup. Blüten und Beeren lassen sich vielseitig nutzen. Wichtig ist: langsam anfangen, genau hinschauen und nur sammeln, was man sicher kennt. An gespritzten Feldern, viel befahrenen Straßen, Bahngleisen oder Hundestrecken lässt man Wildkräuter lieber stehen.
„Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer gehen nach einem Kurs mit anderen Augen durch die Welt.“
Wer genauer hinsieht, entdeckt schnell mehr als Brennnessel, Löwenzahn und Holunder. Friedenberger-Traidl schätzt etwa das Mädesüß, dessen Blüten sie für Tee sammelt. Auch Johanniskraut gehört für sie zu den Klassikern der regionalen Pflanzenwelt.
Eine ihrer Lieblingspflanzen ist die Wilde Malve. Ihre Blätter sind essbar, die Blüten lassen sich für Tee verwenden und haben noch einen besonderen Effekt: Mit Wasser aufgegossen färben sie es bläulich-violett, etwas Zitronensaft lässt die Farbe ins Pinke wechseln. Friedenberger-Traidl nennt das „Zauberwasser“. Gerade Kindern lasse sich so spielerisch zeigen, was in einer unscheinbaren Pflanze steckt.
Auch der Beifuß gehört für sie zu den vielseitigen Kräutern. Der heimische Beifuß wird traditionell zum Würzen kräftiger Speisen verwendet. Daneben baut Friedenberger-Traidl den einjährigen Beifuß selbst an. Für sie zeigt sich daran, wie viel Wissen sich hinter Pflanzen verbirgt, die auf den ersten Blick kaum auffallen.
Alte Hausrezepte zeigen, wie aus unscheinbaren Pflanzen wieder etwas Besonderes für den Teller wird. Um mit etwas Kräuterkunde den eigenen Alltag zu bereichern, bedarf es keines großen Gartens. Ein Topf auf dem Balkon reicht schon.
W I L D P F L A N Z E N E X P E R T I N
Melanie Friedenberger-Traidl (46)
Die gelernte Demeter-Bäuerin und Sozialpädagogin ließ sich 2015/2016 zur Heilpflanzenexpertin ausbilden. Heute vermittelt sie in saisonalen Seminaren und Workshops, wie man Wildpflanzen erkennt, sicher sammelt und im Alltag nutzen kann.
Mit anderen Augen durch die Welt
Pflanzen erzählen für Friedenberger-Traidl auch davon, wie Menschen früher gelebt haben. Besonders fasziniert sie die Kulturgeschichte des Holunders. Um ihn ranken sich zahlreiche Bräuche und Überlieferungen. Er galt als besonderer Baum, war mit dem Haus und seinen Bewohnern verbunden und stand in alten Erzählungen für Schutz, Wandel und Fruchtbarkeit.
Für Friedenberger-Traidl zeigen solche Geschichten, welchen Stellenwert Pflanzen einmal hatten. Sie waren Nahrung und Hausmittel, aber auch Teil der Kultur. Einiges von diesem Wissen sei inzwischen verloren gegangen. In ihren Kursen erlebt sie zugleich Menschen aus Familien und Kulturen, in denen Pflanzenwissen noch stärker von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Wie sehr Wissen die eigene Wahrnehmung verändert, erlebte sie selbst bei einer Kräuterwanderung. Ein Kind interessierte sich dort weniger für die Pflanzen als für Insekten. Friedenberger-Traidl war bis dahin überzeugt, selbst schon viele davon wahrzunehmen. Neben dem Kind bemerkte sie plötzlich, wie viel ihrem Blick entgangen war.
Mit den Pflanzen sei es nicht anders. Wer beginnt, einzelne Arten kennenzulernen, sieht irgendwann nicht mehr einfach nur Grün. „Es macht einfach so viel Freude, sich mit den Pflanzen zu verbinden“, sagt Friedenberger-Traidl. Manchmal genügt dafür schon eine einzige Pflanze, an der man beim nächsten Spaziergang nicht mehr achtlos vorbeigeht.
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