„Redenden Menschen kann geholfen werden. Denn nur wer spricht, gibt sich selbst Luft – und anderen die Chance, uns wirklich zu verstehen.“
Im Gespräch mit Annie Heger
Im Norden tohuus
Nein, festnageln lässt sich Annie Heger nicht. Schon auf der Bühne schlüpft die 42-jährige Entertainerin in unzählige Rollen; und jede einzelne scheint ihr auf den Leib geschneidert. Aber auch außerhalb des Rampenlichts bewegt die leidenschaftliche Plattschnackerin etwas – als Autorin, Predigerin, Aktivistin. Trotz allem bleibt Annie tief und fest verwurzelt in ihrer norddeutschen Heimat.
- Sie sind in Ostfriesland geboren, schon als Kleinkind nach Oldenburg gekommen und leben heute in Hamburg. An welchen Ort denken Sie beim Stichwort „Heimat“?
Ich glaube, das ist die schwierigste Frage, die man mir stellen kann. Denn: Ach, so viele Heimaten schlagen in meiner Brust. Mit großer Sicherheit ist Heimat am Kamin in Ostfriesland, wo mir alles in die Wiege gelegt worden ist mit Worten und Liebe, was mich durch die Welt trägt. Ganz bestimmt auch Oldenburg – hier bin ich groß geworden, zur Schule gegangen, habe beständige Freundschaften geschlossen. Und dann ist da ja noch die schmerzhafte Beziehung zur fernen Heimat, die sich USA nennt und momentan ein Ziehen im Herzen auslöst, wenn ich an sie denke. Und Hamburg? Ist das Heimat? Es ist eher Zuhause. Das plattdeutsche Wort für Heimat ist übrigens »Tohuus« – Zuhause. Ich trage so viel Heimat in mir durch die Geschichten meiner Kindheit, die Lieder derer, die vor mir waren, und die Erinnerungen an mir vertraute Orte. Und all das gibt mir Geborgenheit. Ein gutes Gefühl, das mich allezeit und überallhin begleitet. Und das ist doch Heimat?
- Beruflich haben Sie viel ausprobiert: Pädagogin, Diätassistentin, Heilpraktikerin. Sind Experimente nötig, um den richtigen Weg zu finden?
Für mich ganz klar: ja. Auch wenn ich bei jedem Neustart felsenfest überzeugt war – so, das ist es jetzt, hier bleibe ich! Ich Närrin. Ich hätte es wissen müssen: Ich bin einfach ein Mensch für Vielfalt in voller Breitseite. Im Grunde trage ich alle meine früheren beruflichen Experimente immer noch in mir – nur anders, als es gesellschaftlich vorgesehen ist. Ich hab ja nichts wirklich „weggeworfen“ – nur umgebaut. Das abgebrochene Religionspädagogikstudium hat mich zum Beispiel zur Küchentheologin und Predigerin gemacht, das Pädagogikstudium zur Dozentin in ganz unterschiedlichen Kontexten. Ich bin nicht auf Mission für Ausbildungs- und Studienabbrüche. Das war mein Vielleicht könnte es auch der anderer sein, doch das müssen alle für sich ganz allein herausfinden.
- Letztlich hat Sie aber die Bühne – zunächst des Oldenburgischen Staatstheaters – magisch angezogen. Was reizt Sie am Rampenlicht?
Mich reizt vor allem der Weg zur Bühne – das Tüfteln an Texten, die Proben, das gemeinsame Chaos, bis alles sitzt. Am Rampenlicht selbst? Daran vor allem die Magie des Augenblicks. Dass ich so unfassbar wach sein muss für die Situation, die Themen und die Menschen, dass mein Hirn einfach schnell sein muss, damit ich die Erwartungen des Publikums erfüllen kann. Schlagfertig sein, Fragen in mir formulieren, obwohl ich gerade noch Antworten lauschen muss. Das Rampenlicht ist für mich eine Einladung: Geschichten zu erzählen, Menschen zum Lachen oder Nachdenken zu bringen, Überraschungen zu erleben – und ich weiß nicht, ob ihr euch das vorstellen könnt, aber das Gefühl, eine Veranstaltung geschafft zu habe, ohne das Gesicht verloren zu haben, das ist unbezahlbar.
- Man kennt Sie inzwischen als erfolgreiche Sängerin, Schauspielerin, Kabarettistin, Moderatorin, Autorin… als was fühlen Sie sich?
All das – und ich finde, das ist bereits ein fast vollständige Auflistung.
- Welches Job-Angebot würden sie gerne mal bekommen? Und welches auf jeden Fall ablehnen?
Ablehnen: Jedes Angebot des Axel-Springer-Medienkonzerns. Zusagen: Talkformat mit Christine Westermann, Redenschreiberin für die nächste Bundeskanzlerin, Moderatorin von „Sing meinen Song“.
- Ihnen gehen die Ideen und Pläne nie aus. Ist das eigentlich Fluch oder Segen?
Ich sag ja immer gerne, ich bin froh über jede Idee, die ich nicht habe. Denn an jeder Idee hängt natürlich Arbeit. Aber das ist natürlich scherzhaft gemeint, denn es ist ein Segen, dass mir die Ideen ständig ins Hirn fallen. Ich schreibe schließlich pro Monat so viele Radio- und Zeitungskolumnen, Comedynummern, Buchkapitel und Songs – da ist das sehr hilfreich. Pläne sind selten welche – so ist mein Gefühl – die ich selbst mache, sondern eher meine ständige Reaktion auf das, was mich an die Hand nimmt, mir begegnet oder im Weg steht. Ich schreibe Listen, damit Ideen und vermeintliche Pläne nicht im Nirvana verpuffen: Buchtitel, Songzeilenfetzen, Grünkohlrezepte.
Wie viele Leben passen in deins, Annie Heger?
Kein Blatt vor’m Mund, kein Stillstand im Kopf: Annie Heger singt, schauspielert, moderiert, predigt, schreibt Bücher – und schnackt feinstes Platt. Die gebürtige Ostfriesin ist ein echtes Multitalent, das vor Energie sprüht und sagt, was andere nur denken.
Im Gespräch mit uns rinnert sie sich Annie daran, wie sie schon als Kind mit Otto-Waalkes-Imitationen Familienfeste eroberte und verrät, was eine gute Performance wirklich ausmacht. Sie spricht über Lampenfieber, Rituale, Improvisation – und warum selbst peinliche Momente auf der Bühne zu kleinen Geschenken werden können.
- Beim NDR moderieren Sie die Sendungen „Hör mal n beten to“ und „Dat kannst mir glöven“. Was lieben Sie am Platt?
Plattdeutsch ist meine Herzenssprache, mein Soundtrack aus Kindheitstagen und das kuschelige Zuhausegefühl, das mir niemand nehmen kann. Das ostfriesische Platt ist alles andere als bloße Döntjes: Es klingt nicht nur warm, sondern sprudelt geradezu vor Poesie. Die Sprache hat ihren ganz eigenen Kosmos. Na klar, die Sprechenden, wir sind da eine Bubble, in der „man sich kennt“, vor allem, wenn man Platt beruflich nutzt. Aber viel spannender: Platt lässt Sätze anders tanzen, Gedanken auf neue Wege springen – durch seine Lehnwörter, Eigenheiten und die Geschichte, aus der es gewachsen ist.
- Die Sprache gehört fest zur norddeutschen Identität. Drohen wir sie trotzdem zu verlieren?
Noch müssen keine palliativmedizinischen Maßnahmen eingeleitet werden. Die Sprache ist sehr lebendig und entwickelt sich mit ihren Sprechenden. Sie lebt, atmet und entwickelt sich mit uns. Lesewettbewerbe sind nett, aber sie allein retten Platt nicht. Alles, was wir nicht bereit sind an unsere Kinder weiter zu geben, werden wir natürlich irgendwann verlieren. Diese Sprache wird vielleicht irgendwann keinen Alltag mehr haben, und ausschließlich auf den Bühnen, in Zeitungen und Radiosendungen stattfinden – als Kunstform. Das versuche ich zu verhindern. Und spreche überall da Platt, auch wo es keiner erwarten würde.
- Welche norddeutsche Eigenart vermissen Sie am meisten, wenn Sie mal woanders sind?
Ich kann mich nicht wirklich anfreunden mit diesem Mantel angeblich norddeutscher Eigenarten. Sind wir wirklich so, wie alle von Flensburg bis Konstanz von uns denken? Blond, trinkfest, wortkarg, erdverwachsen – ich denke nicht. Daher muss ich enttäuschen: Ich vermisse nichts.
„Plattdeutsch ist meine Herzenssprache, mein Soundtrack aus Kindheitstagen und das kuschelige Zuhausegefühl, das mir niemand nehmen kann.“
- Die Menschen kennen vor allem Ihre gutgelaunte Seite. In Ihrem Buch „Sei der Wind, nicht das Fähnchen“ erzählen Sie aber auch von Rückschlägen im Leben. Sollten wir viel offener darüber reden?
Ich gehöre zum Team „Immer und über alles reden“. Redenden Menschen kann geholfen werden. Denn nur wer spricht, gibt sich selbst Luft – und anderen die Chance, uns wirklich zu verstehen. Schweigen suggeriert doch nur: Alles okay. Dabei entsteht Druck: Man muss funktionieren, alles im Griff haben, und die anderen auch. Reden dagegen ist wie ein Befreiungsschlag – für dich selbst und manchmal auch für alle anderen um dich herum.
- Sie scheinen über alles reden zu können. Gibt es ein Gesprächsthema, in das Sie nie einsteigen würden?
Kommt auf den Rahmen an. Sicherlich habe ich ein anderes Sicherheitsgefühl, vielleicht auch einmal nicht sofort Worte finden zu müssen, wenn ich mit Freundinnen und Freunden in meiner Küche sitze, als in der NDR-Talkshow. Ich glaube, wir sollten alle versuchen, besser zuzuhören und nicht gleich in ein Gesprächsthema redend einzusteigen, wenn wir doch eigentlich keine wirkliche Ahnung haben. Mathemathische Beweisführungen sind meine Nemesis, Angst um eigene Kinder ist mir nicht vertraut, und ich war in meinem Leben nicht auf der Flucht. Hier gilt es für mich: Klappe halten – zuhören!
- Sie haben einen Wunsch frei: Was würden Sie aus einem anderen Teil der Welt am liebsten nach Norddeutschland importieren?
(z.B. Mentalität, Landschaftsmerkmale, Sehenswürdigkeiten, Kultur, etc.)
Die Lockerheit einer amerikanischen BBQ-Party, die verlässliche Wärme Mallorcas im Sommer, den gesellschaftlichen Solidaritätsgedanken Japans – wie soll ich mich da entscheiden. Ich sage: Die Sing- und Chortradition Estlands!
weitere interessante Artikel:
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Instagram. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen

