„Das wird mir niemand glauben, wenn ich sage, ich gehe nie wieder in die Antarktis.“

Michael Trautmann
Eine Person in einem roten Parka mit pelzgefütterter Kapuze, Hut und Gesichtsmaske steht draußen in einer Schneelandschaft, die an die Polarforschung Trautmann Antarktis erinnert. Frost bedeckt ihre Augenbrauen, während im Hintergrund die Sonne untergeht.

Polarforscher Michael Trautmann

Ein Job am Ende der Welt

Als Michael Trautmann (32) in der Antarktis ankommt, beginnt für den Ingenieur aus Oldenburg das größte Abenteuer seines Lebens. Zwischen Pinguinen, Polarlichtern und extremer Kälte lernt er, was Teamgeist hier bedeutet und warum Mut manchmal einfach heißt, es zu versuchen.

Der Weg in die Antarktis führt über Südafrika, dann mit dem Forschungseisbrecher Polarstern durch immer kälter werdende Gewässer. Erst tauchen einzelne Eisschollen auf, später Eisberge, Robben und Pinguine. Schließlich landet der Helikopter auf dem Schelfeis nahe der Neumayer-Station-III. Alles ist weiß. Die Sonne scheint rund um die Uhr. Es fühlt sich an, als hätte man einen fremden Planeten entdeckt. Trautmann betritt zum ersten Mal antarktischen Boden und braucht erstmal einen Moment, um zu begreifen, wo er hier gelandet ist.

Zwischen Januar 2022 und Februar 2023 arbeitet Trautmann als Elektroingenieur auf der deutschen Forschungsstation in der Antarktis. Rund 15.000 Kilometer von seiner Heimat entfernt lebt er monatelang in extremer Kälte, bei Temperaturen von bis zu minus 60 Grad. Ungeschützte Haut kann innerhalb weniger Minuten erfrieren. Gleichzeitig ist die Sonneneinstrahlung so stark, dass Sonnenbrille und Sonnencreme Pflicht sind, selbst bei „nur” minus zehn Grad. Wer sie vergisst, riskiert schmerzende Augen und verbrannte Haut durch die reflektierende Eisfläche. Acht Monate lang ist das neunköpfige Team vollständig isoliert. Es gibt keine Flugzeuge, keine Schiffe und kein Zurück.

Dabei war die Antarktis lange kein erklärtes Ziel. Aufgewachsen in Brake an der Unterweser, genießt Trautmann als Kind vor allem Strand und Meer. Erst viele Jahre später entsteht die Faszination für extreme Orte. Sein Weg führt zunächst über einen Hauptschulabschluss, eine Ausbildung zum Elektriker und später über das nachgeholte Abitur zum Ingenieurstudium nach Wilhelmshaven. Als er seine letzte Bachelorprüfung besteht, sitzt er mit Tränen in den Augen da. Ingenieur zu werden war wie ein geheimer Traum, der jetzt durch Mut und Antrieb wahr geworden ist.

„Man hat nur ein Leben. Man muss dann schauen: Was macht mir viel Spaß und was bringt mich gerade auch selber voran.“

Michael Trautmann

Der Mut, es einfach zu versuchen

Nach dem Studium zieht es ihn ins Ausland. Acht Monate reist er durch Australien, arbeitet auf einer Solarfarm im Outback und lernt, sich ohne festen Plan durchzuschlagen. Diese Erfahrung verändert seinen Blick auf die Welt. Reisen wird für ihn mehr als Ortswechsel. Es geht um Freiheit, um Entdecken, um das bewusste Verlassen der Komfortzone.

Zurück in Deutschland absolviert er seinen Master und arbeitet als Fachplanungsingenieur in Oldenburg. Während der Corona-Zeit stößt er zufällig auf eine Stellenausschreibung des Alfred-Wegener-Instituts (AWI). Gesucht wird ein Elektroingenieur für eine Überwinterung in der Antarktis. Schon beim Lesen ahnt Trautmann, dass dies sein Traumjob ist. Gleichzeitig zweifelt er. Zu jung, zu wenig Berufserfahrung, zu normaler Lebenslauf. Wochenlang spricht er mit Freunden und seiner damaligen Partnerin darüber. Bis zum letzten Tag wartet er mit der Bewerbung. Dann schickt er sie ab, obwohl er selbst kaum daran glaubt, eine Chance zu haben. Und er bekommt die Stelle.

Es folgt eine intensive Vorbereitungsphase mit über 40 Lehrgängen. In den Alpen lernt das neu gefundene Team, sich in Gletscherspalten abzuseilen, mit schwerem Gepäck Berge zu erklimmen und unter extremen Bedingungen zusammenzuarbeiten. Ziel ist es, die Belastbarkeit jedes Einzelnen zu testen und zu sehen, ob die Gruppe auch in Stresssituationen funktioniert. Denn in der Antarktis ist Teamarbeit überlebenswichtig. Die Altersunterschiede im Team sind groß, ebenso die körperlichen Voraussetzungen. Trotzdem müssen alle gemeinsam durchhalten.

Eine Person in einem roten Mantel steht auf verschneitem Boden, umrahmt von hohen, gebogenen blauen Eiswänden - eine eindrucksvolle Szene der Polarforschung in der Antarktis. In der Ferne sind unter einem wolkenverhangenen Himmel Motorschlitten und Geräte zu sehen, die an Trautmanns Expeditionen erinnern.

Alltag im ewigen Eis

Der Arbeitsalltag auf der Neumayer-Station unterscheidet sich deutlich von dem, was man sich unter einer Ingenieurstelle vorstellt. Elektrotechnik macht einen eher kleinen Teil der Aufgaben aus. Trautmann bereitet Landebahnen vor, fährt Pistenbully, betankt Flugzeuge und kümmert sich um vieles, was gerade gebraucht wird. Jede und jeder ist Allround-Talent. Die Station selbst besteht aus miteinander verbundenen Containern, überraschend komfortabel und großzügig, fast wie ein kleines Hotel im Eis – mit vorzüglichem Essen!

In dieser Umgebung wächst auch seine Leidenschaft für Fotografie. Den ersten Impuls bekam Trautmann schon früher, als er sich für einen geplanten Island-Urlaub seine erste Kamera kaufte. Jetzt entfaltet sich diese Begeisterung in der Antarktis. Zwischen Schichtdienst und Schneesturm hält er mit seiner Kamera Eisberge, Lichtstimmungen, Polarlichter und die faszinierende Tierwelt fest. Brütende Kaiser-Pinguine watscheln nur wenige Meter an ihm vorbei, Robben liegen träge auf dem Eis, der Himmel färbt sich nachts in grünen und violetten Schleiern. Aus einzelnen Aufnahmen wird eine visuelle Erzählung des Lebens am Rand der Welt.

Um den Alltag abwechslungsreich zu gestalten, organisieren die Bewohner Filmabende mit selbst produzierten Trailern, treiben gemeinsam Sport und versuchen sogar, das deutsche Sportabzeichen in der Antarktis zu absolvieren. Ein Koch sorgt für außergewöhnlich gutes Essen, das Trautmann später in Deutschland vermisst. Die Gruppe schafft sich ihre eigene kleine Welt im Eis, mit festen Ritualen und humorvollen Ideen.

Eine Person in einem roten Anzug, die zur Polarforschung Trautmann gehört, geht durch die Schneelandschaft der Antarktis auf zwei hoch aufragende Eisklippen zu und hinterlässt bei klarem Himmel Fußspuren im Schnee.

Trotzdem lassen sich Konflikte kaum vermeiden, wenn neun Menschen über viele Monate auf engem Raum zusammenleben. Das Team setzt auf offene Kommunikation. Wer sich über etwas ärgert, schläft eine Nacht darüber und spricht es dann an. Oft erledigen sich Probleme von selbst. Wichtig ist, dass niemand Frustrationen in sich hineinfrisst. Jeder hat eine Vertrauensperson, auf die man zugehen kann, wenn es schwer wird.

Besonders prägend ist die Isolation. Acht Monate lang gibt es keine Möglichkeit, die Antarktis zu verlassen. Zwar ist inzwischen Internet verfügbar und Videotelefonate mit der Heimat sind möglich, doch die Verbindung muss geteilt werden. Jeder lernt, mit der Distanz umzugehen. Für Trautmann ist klar: Nicht die Kälte ist das Schwierigste, sondern die Vorstellung, sich in einem solchen Umfeld allein zu fühlen.

Eine Person in rotem Winteranzug und grauer Mütze steht mit weit ausgebreiteten Armen lächelnd in einer verschneiten Landschaft vor der hochgelegenen Forschungsstation Polarforschung Trautmann Antarktis.

„Ich möchte irgendwann nochmal den Atlantik überqueren mit einem Segelboot. Das ist auch noch ein Traum von mir.“

Michael Trautmann

Was nach dem Abenteuer bleibt

Die Zeit in der Antarktis verändert Trautmann nachhaltig. Er wird ruhiger, gelassener und reflektierter. Vor allem erkennt er, wie wichtig Vertrauen, Geduld und Kommunikation sind. Nach seiner Rückkehr erlebt er zunächst eine Leere. Was kommt nach einem solchen Höhepunkt? Die Reise ist für ihn noch nicht zu Ende. Im Oktober 2023 führt ihn sein Weg schon zurück in die Antarktis, vier Monate Aufenthalt in der deutschen Kohnen-Station – weitere Reisen Richtung Südpol schließt Trautmann nicht aus. Heute lebt er in Oldenburg und arbeitet am Bau der Polarstern 2, dem neuen deutschen Forschungseisbrecher. Daneben hält er Vorträge, zeigt seine Fotografien, organisiert Veranstaltungen und teilt Bilder aus einer Welt, die die meisten Menschen nur aus Dokumentationen kennen.

Manchmal steht er auf der Bühne, sieht seine Aufnahmen von Eisbergen, Polarlichtern und Pinguinen und kann kaum glauben, welchen Weg er gegangen ist. Aus dem Jungen aus Brake ist ein Polar-Ingenieur und Fotograf geworden, der extreme Orte nicht scheut. Auch eine Atlantiküberquerung mit dem Segelboot gehört zu seinen Träumen. Oldenburg bleibt seine Basis, die Welt sein Spielfeld.

Sein Rat an junge Menschen ist einfach: auf das Bauchgefühl hören und Dinge ausprobieren. Nicht jeder Weg ist vorgezeichnet. Manchmal reicht ein mutiger Schritt, um Türen zu öffnen, von denen man vorher nicht wusste, dass es sie gibt.

Eine Person in roter Winterkleidung steht in einer Schneelandschaft bei Sonnenuntergang, mit Schneeverwehungen in der Luft und Motorschlitten in der Ferne, unter einem goldenen Himmel - und fängt den Geist der Polarforschung Trautmann Antarktis ein.

Wo endet die Komfortzone, Michael Trautmann?

Minus 60 Grad, monatelange Isolation und ein Leben fernab jeder Komfortzone: Michael Trautmann hat erlebt, was nur wenige Menschen auf der Welt erfahren. Der gebürtige Braker arbeitete gleich zweimal als Elektroingenieur auf deutschen Forschungsstationen in der Antarktis – weiter weg von zuhause geht es kaum.

Uns hat Michael erzählt, wie sein Weg von der weiterführenden Schule über das Ingenieurstudium bis ins ewige Eis führte, warum er sich immer wieder bewusst aus seiner Komfortzone bewegt – und weshalb man manchmal einfach losgehen muss, um herauszufinden, was in einem steckt. Einfach mal reinhören.

Ein Mann mit kurzen Haaren und gestutztem Bart, der ein grün kariertes Hemd trägt, sitzt da und lächelt, während er in ein schwarzes Mikrofon spricht - vielleicht ein Interview mit Rieke Havertz, Korrespondentin der ZEIT USA. Der Hintergrund ist unscharf, eine Holztür ist zu sehen.
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