Zwei Frauen halten sich an den Händen und lächeln, während sie an einem sonnigen Tag einen von Grün umgebenen Parkweg entlanggehen.

Hellen Tito und Anke Ohmstede

Mehr als nur Mentoring

Dass aus einer Zweckbeziehung eine tiefe Verbindung erwachsen kann, in der Altersgrenzen keine Rolle spielen, beweist die Geschichte von Hellen Tito (38) und Anke Ohmstede (72). Was mit Sprachförderung und Ausbildungsunterstützung begann, hat sich zu einer echten Bereicherung für beide entwickelt.

Sympathie ab Tag 1

2016 kommt Hellen aus Westkenia nach Deutschland. Nach dem Bundesfreiwilligendienst entscheidet sie sich für eine Pflegeausbildung. Während die Arbeit mit den Patientinnen und Patienten ihr liegt und Freunde bereitet, stellt sie recht schnell fest, dass der anspruchsvolle theoretische Teil für sie als Nicht-Muttersprachlerin zunehmend zur Herausforderung wird.

Deshalb sucht sie sich 2018 über den gemeinnützigen Verein pro:connect Unterstützung; pausiert sogar für eine Weile die Ausbildung, um sich ganz auf die Verbesserung ihrer Deutschkenntnisse konzentrieren zu können.

2020 fragt der Verein als fachliche Ergänzung zum Sprachkurs eine Ausbildungsbegleitung über die Initiative VerAplus an – ein Mentoring-Programm des Senior Expert Service (SES), das Ausbildungsabschlüsse verbessern soll. Die Anfrage erreicht Anke, die im Programm bereits mehrere Azubis betreut hat. Durch ihre langjährige Erfahrung in der Nuklearmedizin und die Tätigkeit als Schulleiterin ist sie die ideale Unterstützung für Hellen – fachlich wie auch persönlich.

Bedingt durch die Auflagen der Coronazeit treffen sich beide zum ersten Mal bei Hellen zuhause. Dass sie einander sympathisch sind, wird relativ schnell klar. Durch Ankes ruhige und gelassene Art fühlt Hellen sich bei ihr sicher. „Ich habe Anke direkt vertraut“, beschreibt Hellen ihren ersten Eindruck. Und auch Anke kann sich gut vorstellen, ihre Begleitung zu übernehmen. „Am Anfang steht immer das persönliche Kennenlernen. Dann muss jeder für sich entscheiden: Wollen wir zusammenarbeiten?“, erklärt Anke den Ablauf bei VerAplus. „In diesem Fall haben wir gesagt: Ja, machen wir.“ Von da an treffen sich beide nach Bedarf, oft ein-, zweimal pro Woche.

Unterstützung auch in schwierigen Zeiten

Trotz des tatkräftigen Einsatzes der beiden erlebt Hellen im Frühjahr 2023 einen persönlichen Tiefschlag: Sie besteht einen Teil ihrer Prüfungen nicht, muss die Pflege-Ausbildung schließlich abbrechen. Für sie eine sehr belastende Phase ihres Lebens, die mit vielen negativen Emotionen und Selbstzweifeln verbunden ist. „Ich war ganz unten, habe mich geschämt“, erinnert sie sich.

In dieser herausfordernden Zeit wird Anke für sie zu einer wichtigen Stütze. Sie ermutigt Hellen, sich durch den Rückschlag nicht unterkriegen zu lassen, erinnert sie an ihre Stärken und Fähigkeiten. Und: Sie macht ihr klar, dass sie nicht von Hellens Seite weichen wird. „‘Ich bleibe bei dir, Hellen‘, hat sie gesagt. Sie hat mich sehr unterstützt“, erinnert sich Hellen.

Zwei Personen gehen Arm in Arm einen Parkweg entlang, von hinten gesehen. Die eine trägt ein Kleid, die andere Jeans. Im Hintergrund sind Bäume und Gebäude zu sehen.

„Vielleicht sehe ich manche Dinge gelassener. Es gibt viele Wege, die zum Ziel führen.“

Anke Ohmstede

Ausbildung 2.0

Im Herbst 2023 und einige weitere Treffen der beiden später, ist es dann so weit: Hellen hat wieder einen Ausbildungsplatz gefunden, stellt sich erneut der Herausforderung der Pflege-Ausbildung.

Mehr denn je stehen neben der Verbesserung von Hellens Sprachkenntnissen medizinische Themen und Ausbildungsinhalte auf dem Plan: Pflegeplanung, Pflegetheorien, Krankheitsbilder, Fallbeschreibungen und vieles weitere. Anke hilft ihr außerdem, theoretisches Wissen mit Situationen aus dem Arbeitsalltag zu verbinden und zum Beispiel die Kommunikation zwischen Azubis und erfahrenen Pflegekräften besser einzuordnen. „Wenn ich mit einem Thema Schwierigkeiten habe, gehen wir es zusammen durch. Auch bei meiner deutschen Sprache hat sie mich sehr unterstützt”, sagt Hellen.

Zwei Frauen sitzen an einem sonnigen Tag draußen und unterhalten sich. Eine Frau mit geflochtenen Haaren und einem schwarzen Kleid lächelt die andere Frau, die kurze blonde Haare und eine Brille trägt, herzlich an. Im Hintergrund sind Bäume und Gebäude zu sehen.
Zwei Frauen – die eine trägt ein schwarzes Kleid, die andere ein gestreiftes Shirt und Jeans – lächeln und gehen gemeinsam auf einem Gartenweg, der von Bäumen und Grün umgeben ist.

Geduld und kultureller Austausch

Dass beide sich auf der persönlichen Ebene so gut verstehen, hilft in der Zusammenarbeit enorm. Hellen schätzt von Anfang an vor allem eine Eigenschaft an Anke: „Ich bewundere Ankes Geduld. Sie ist engagiert, nimmt Menschen ernst und unterstützt sie. Wenn jemand ruhig und geduldig ist, dann kriegt man alles hin.” Aus ihrer Erfahrung als Schulleiterin weiß Anke, wie wichtig das grundlegende Verständnis von Fachbegriffen und Abläufen sowie die Verknüpfung mit dem Arbeitsalltag ist. Deshalb nimmt sie sich gerne die Zeit, um alles zu erklären. „In der Medizin müssen Begriffe verständlich sein, damit man auch die richtige Handlung daraus ableiten kann. Es geht darum, einen Zusammenhang herzustellen: Warum muss ich das eigentlich lernen? Und welchen Nutzen hat dieses Wissen?“, erklärt sie.

Was Anke ihrerseits an Hellen schätzt? „Ihr Durchhaltevermögen, ihr Mitgefühl und ihre unglaublich hohe Sozialkompetenz. Sie hat einen sehr starken Willen und macht trotz Rückschlägen weiter.“ Außerdem erhält Anke, die kulturell sehr interessiert ist, durch Hellen einen tiefen persönlichen Einblick in ihre kenianische Herkunft, ihre Familie und gesellschaftliche Entscheidungsprozesse. „Keine Reportage der Welt könnte mir das so vermitteln wie ein echter Mensch, den man kennt. Hellen hat mir durch ihre Offenheit geholfen, Menschen aus einer anderen Gesellschaft besser zu verstehen.“

„Ich bewundere Ankes Geduld. Sie ist engagiert, nimmt Menschen ernst und unterstützt sie. Wenn jemand ruhig und geduldig ist, dann kriegt man alles hin.”

Hellen Tito

Unterschiedliche Generationen, gleiche Werte

Dass sie mehrere Jahrzehnte Altersunterschied trennt, hat für beide nie wirklich eine Rolle gespielt. Denn trotz völlig unterschiedlicher Biografien teilen beide ähnliche Werte, finden direkt viele Gemeinsamkeiten, die die Zusammenarbeit und einen offenen, respektvollen Austausch sehr erleichtern. „Anke ist ein fokussierter Mensch. Wenn sie ein Ziel hat, möchte sie es erreichen. Ich bin auch ein fokussierter Mensch und möchte meine Ziele erreichen. Ich glaube, wir haben beide Mitgefühl und können uns in andere Menschen hineinversetzen”, findet Hellen. „Wir bringen beide viel Verständnis für andere Menschen und für unterschiedliche Lebenssituationen auf. Gemeinsam ist uns auch der Humor”, ergänzt Anke.

Dass ältere Menschen besonderen Respekt verdienen, ist integraler Bestandteil der kenianischen Kultur, den Hellen aktiv lebt. „Ich respektiere Menschen, die älter sind als ich. Dinge, die ich mit jemandem in meinem Alter machen würde, würde ich nicht unbedingt genauso mit Anke machen“, sagt sie.

Obwohl Anke auf mehr Lebenserfahrung zurückblickt, behält sie sich stets die Offenheit für andere Sichtweisen. Außerdem hilft sie ihr, das Leben mit einer gewissen Lockerheit zu betrachten: „Vielleicht sehe ich manche Dinge gelassener. Es gibt viele Wege, die zum Ziel führen. Nur weil ich eine andere Meinung habe, muss sie nicht automatisch richtig sein.“

Von der Mentorin zur Bezugsperson

Wie bereichernd ihr Austausch ist, beweist nicht nur Hellens erfolgreicher Ausbildungsabschluss im Sommer diesen Jahres und die Übernahme durch den Ausbildungspartner. Mittlerweile sind sechs Jahre seit ihrem ersten Treffen vergangen und beide zu einem festen Bestandteil im Leben der jeweils anderen geworden. Ihre Verbindung geht weit über ein Mentoring-Verhältnis hinaus. Dass sie auch nach Hellens Ausbildungsabschluss und damit dem Ende ihrer Zusammenarbeit Kontakt halten werden, steht außer Frage.

„Anke ist für mich eine Bezugsperson geworden – hundert Prozent“, beschreibt Hellen ihre Beziehung heute. „Durch die Begleitung bin ich stärker und fokussierter auf meine Zukunft und mein Lernen geworden. Anke hat mir Motivation gegeben.“

Und Anke ergänzt: „Wir mögen und schätzen uns. Das geht über die Begleitung hinaus, weil man einfach Interesse aneinander hat. Auch wenn sie jetzt die Ausbildung beendet hat, wissen wir schon, dass wir uns weiterhin treffen werden.“ Sie plant ihrerseits, auch weiterhin Azubis über VerAplus zu betreuen und ihnen durch herausfordernde Zeiten zu helfen. Ihr Rat an alle, die sich in einer ähnlichen Situation wie Hellen damals befinden? „Ich kann andere nur ermutigen, Kontakt aufzunehmen. Einfach versuchen!“

Zwei Frauen – eine ältere mit kurzen blonden Haaren und Brille und eine jüngere mit Zöpfen – sitzen draußen gemeinsam auf einer weißen Bank, lächeln und halten sich an den Händen. Im Hintergrund sind Bäume und Grünflächen verschwommen zu sehen.

„Hellen hat mir durch ihre Offenheit geholfen, Menschen aus einer anderen Gesellschaft besser zu verstehen.“

Anke Ohmstede
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