Eine Generationen-WG begeistert Hunderttausende auf TikTok
Meine beste Freundin Oma
Seit einigen Jahren wohnt Lilly (25) in der Dachgeschosswohnung über ihrer 87-jährigen Oma. Aus der praktischen Lösung ist eine besondere Generationen-WG geworden: Die beiden teilen ihren Alltag, unternehmen Ausflüge und reisen gemeinsam. Kleine Ausschnitte davon erreichen auf TikTok Hunderttausende – geplant war das nie.
Einzug ins Dachgeschoss
Die Dachgeschosswohnung in Omas Haus stand lange leer. Als Lilly dann mitten im Bachelor aus dem Elternhaus ausziehen wollte, sah sie die Räume mit anderen Augen. Eine eigene Wohnung wäre teuer gewesen, hier aber lag ein „Goldstück“ direkt über der Familie. Also wurde renoviert, Schritt für Schritt, mit viel Hilfe. Für Lilly war es ein Gewinn: selbstständiger leben und trotzdem nah bei Oma und Opa, der damals noch lebte, sein.
Mit den Jahren hat sich daraus ein gemeinsamer Alltag entwickelt, der beiden guttut. Nach dem Tod des Opas war Oma häufig allein. Heute ist Lilly ihre eingetragene Pflegeperson. Für Oma bedeutet das Sicherheit: Wenn etwas ist, ist oben jemand da. Für Lilly ist es längst mehr als eine praktische Lösung. „Ich nehme sie einfach überall mit hin“, sagt sie.
Besonders der Sonntag gehört den beiden. Dann geht es auf den Flohmarkt, in die Stadt, zum Waffelessen oder auf die Suche nach einem guten Kaiserschmarrn. Manchmal kommt Oma auch mit, wenn Lilly sich mit Freundinnen trifft. Dann wird gekniffelt, erzählt oder einfach dabeigesessen. „Sie nimmt mich überall mit hin – wir machen das gerne, daran muss ich oft denken“, sagt Oma.
„Sie nimmt mich überall mit hin – wir machen das gerne, daran muss ich oft denken.“
TikTok aus dem Alltag
Dass aus dieser Beziehung auch ein TikTok-Phänomen werden würde, war nicht geplant. Lilly zeigt auf ihrem Account vor allem ihren Alltag zwischen Uni, Masterarbeit und Zuhause. Oma taucht darin auf, weil sie einfach dazugehört. Nicht als Rolle, nicht als Figur, sondern als Teil ihres Lebens. „Das, was ich filme, ist einfach unser Alltag“, sagt Lilly. Es gibt keinen Redaktionsplan, keine vorbereiteten Szenen, kein besonderes Licht. Wenn etwas Schönes, Lustiges oder Alltägliches passiert, hält Lilly einfach kurz das Handy drauf.
Angefangen hat es mit einem Reaktionsvideo. Lilly hatte sich die Haare gemacht und wusste, dass Oma ihre Locken mögen würde. Also stellte sie das Handy auf und filmte den Moment. Oma reagierte herzlich, bewundernd und ganz entzückt von ihrer Enkelin. Das Video erreichte hunderttausende Menschen. Später folgten weitere kleine Alltagsszenen: gemeinsam Wäsche aufhängen, einkaufen, eine Pommes am Abend essen gehen.
Besonders gut erinnert sich Lilly an ein Video mit Tiefkühlverpackungen. Oma hatte die leeren Tüten aufgehoben, um beim nächsten Einkauf die Gerichte wiederzufinden, die ihr besonders gut geschmeckt hatte. Lilly filmte es kurz, Hunderttausende sahen zu – ebenso der Hersteller. Der schickte prompt einen Karton mit TK-Mahlzeiten an die WG. Für Oma bleiben solche Zahlen und Internetphänomene kaum greifbar. Sagt Lilly ihr, dass 500.000 Menschen ein Video gesehen haben, lacht sie nur: „Da habe ich keine Vorstellung.“
Was die Videos auslösen
Die Reaktionen gehen oft über ein kurzes „like“ hinaus. Lilly bekommt Nachrichten von jungen Frauen, die ihre eigene Oma vermissen, mehr Zeit mit ihren Großeltern verbringen wollen oder durch die Videos dazu inspiriert werden, wieder näher an die eigene Familie heranzurücken. Andere schreiben ihr, dass sie durch Lilly und Oma sehen, wie viel Spaß man mit einer Großmutter haben kann.
Für Lilly ist das der schönste Teil der Aufmerksamkeit. Die Videos haben ihre Beziehung nicht geschaffen, aber sie machen sichtbar, was längst da ist: eine Enkelin, die ihre Oma nicht nur besucht, sondern aktiv in ihren Alltag einbezieht. Und eine Oma, die sich mitnehmen lässt, offen bleibt und ihre Enkelin so akzeptiert, wie sie ist.
Unterschiede zwischen den Generationen gibt es natürlich trotzdem. Oma fragt regelmäßig nach Hilfe mit dem Handy, z.B. bei WhatsApp oder mit dem WLAN. Die drei Signal-Balken nennt sie die „umgedrehte Eistüte“. Lilly erklärt, richtet ein, hilft weiter. „Aber ich mache das gern“, sagt sie. Umgekehrt lernt Lilly von Oma eine Haltung zum Leben, die sie bewundert: nicht bitter, nicht verschlossen, sondern positiv und offen. „Ich möchte später auch gerne so sein wie Oma“, sagt sie.
Nähe mit Grenzen
So offen die Videos wirken, so klar zieht Lilly Grenzen. Gezeigt werden kurze Ausschnitte, oft nur wenige Sekunden. Arztbesuche, schlechte Tage, Trauer oder intime Momente bleiben privat. Auch wenn Oma sich unwohl fühlt, bleibt das Handy weg. „Ich glaube, ich habe ein gutes Bewusstsein dafür, was ins Internet gehört und was nicht“, sagt Lilly.
Das gilt auch außerhalb des Internets. Lilly wird inzwischen häufig erkannt, Oma manchmal auch. Gemeinsam ist das meist kein Problem. Wird Oma jedoch allein beim Einkaufen oder im Theater angesprochen, kann sie das irritieren. Deshalb hat Lilly ihre Follower darum gebeten, Oma im privaten Alltag nicht zu bedrängen. „Ich wollte Oma nicht zu einem Star machen“, sagt sie.
FAZIT
Was können andere von dieser Beziehung lernen?
Für Lilly klingt die Antwort zunächst einfach: Zeit miteinander verbringen. Nicht nur an Feiertagen, nicht nur aus Pflichtgefühl. „Einfach die Oma so behandeln, als wäre sie eine Freundin“, sagt sie.
Wie eine beste Freundin
Für Lilly ist Oma nicht nur Oma, sondern Mitbewohnerin und beste Freundin zugleich. Sie gehen zusammen shoppen, auf Messen, in Cafés oder fliegen gemeinsam in den Urlaub.
Vielleicht ist genau das eine kleine Einladung an uns alle, mal wieder bei den Großeltern reinzuhören. Aber man muss den ersten Schritt nicht immer den Jüngeren überlassen. Wer Enkelkinder hat, kann nachfragen, sich mitnehmen lassen, offen bleiben für andere Gewohnheiten, andere Sprache und auch für eine Welt, die manchmal nur wie eine „umgedrehte Eistüte“ auf dem Handy erscheint.
Oma zeigt, wie viel Nähe entstehen kann, wenn man nicht alles verstehen muss, aber bereit ist, dabei zu sein. Und Lilly macht vor, wie wertvoll es ist, diese Offenheit nicht als selbstverständlich zu nehmen.
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