Ein lächelnder Mann im Rollstuhl lacht zusammen mit einer Frau, die neben ihm steht, in einem hellen, freundlichen Raum mit großen Fenstern und einem Brettspiel auf dem Tisch. Im Hintergrund sind weitere Personen zu sehen.

Ein Austausch mit Zukunft

Zwischen Bingo und Berufseinstieg

Für Asya Khalaf Kazim begann der Weg in die Altenpflege in der neunten Klasse mit einem Praktikum im Seniorenwohnstift Ofenerdiek. Als ihre Klasse ein Jahr später im Kurs „Gesundheit und Soziales“ erneut ins Haus kam, musste sie nicht lange überlegen. „Ich habe mich richtig gefreut, wieder hier zu sein“, sagt die 19-Jährige. Heute ist sie im zweiten Lehrjahr ihrer Ausbildung zur Altenpflegerin. Aus dem wöchentlichen Besuch ist ein Beruf geworden.

Erst einmal ankommen

Die Kooperation zwischen der Oberschule Ofenerdiek und dem Seniorenwohnstift begann im Frühjahr 2024. Zwei Lehrerinnen suchten einen Praxispartner für die zehnte Hauptschulklasse. Gerechnet hatte das Leitungsteam des Seniorenwohnstifts mit vier Jugendlichen – am Ende meldeten sich rund 15. Seitdem kommt mittwochs eine motivierte Truppe an Schülerinnen und Schülern ins Haus und bringt kräftig Leben mit.

Zunächst geht es um Orientierung. Welche Berufe gibt es hier? Und was bedeutet es, dass die Jugendlichen das Zuhause von rund 150 Menschen betreten? Der 29-jährige Hausleiter Jan-Philipp Güthler möchte Berührungsängste abbauen. Statt geschlossener Türen erleben die Schülerinnen und Schüler ein offenes Haus, das zum Stadtteil gehört.

Nach einigen begleiteten Terminen unterstützen die motivierten Jugendlichen beim Bingo, lesen vor, basteln oder besuchen Menschen in den Wohnbereichen. Sie sollen keine Aufgaben abarbeiten, sagt Güthler. Entscheidend ist die Begegnung.

An einem sonnigen Tag stehen drei Menschen lächelnd vor einem modernen Backsteingebäude mit Balkonen, umgeben von Grünflächen und Bäumen.

Blumen am zweiten Tag

Wie schnell daraus Nähe entstehen kann, zeigte sich früh. Einige Schülerinnen brachten einer Bewohnerin am zweiten Besuchstag Blumen mit. Die Frau konnte nicht mehr sprechen und begann zu weinen. Von da an gehörte der Besuch bei ihr mittwochs einfach dazu. Manche Jugendlichen kommen auch außerhalb der Schulzeit vorbei.

Asya hat zu einer Bewohnerin eine besondere Verbindung aufgebaut. „Männer und Liebe, das ist unser Ding, darüber quatschen wir“, sagt sie und lacht. Die ältere Frau erzählt von Entscheidungen, die sie heute anders treffen würde, und gibt ihre Erfahrungen weiter. Einen Gedanken hat Asya besonders mitgenommen: das Leben zu nutzen, viel zu reisen und nicht alles aufzuschieben.

Asya erzählt ihrerseits von Schule, Ausbildung und ihrem Alltag. Ihre Gesprächspartnerin hat eine klare Erwartung: Asya dürfe sie nach der Ausbildung nicht verlassen. Kein Problem – Asya möchte sowieso gerne im Haus weiterarbeiten.

„Männer und Liebe, das ist unser Ding, darüber quatschen wir.“

Asya Khalaf Kazim, Auszubildende zur Altenpflegerin

Ein anderes Gesicht zeigen

Auch die Lehrerinnen erleben ihre Klassen im Seniorenwohnstift neu. Zwei Jungen, die im Schulalltag eher als unruhig auffielen, setzten sich eines Mittwochs ans Klavier und spielten für die Seniorinnen und Senioren. Ihre Lehrerin war überrascht, diese Seite an ihnen zu entdecken. Im Seniorenwohnstift werden Fähigkeiten sichtbar, die im Unterricht leicht untergehen. Jugendliche übernehmen Verantwortung, hören zu und lassen sich auf andere Lebenswelten ein. Die Bewohnerinnen und Bewohner bekommen Jugendsprache, Musik und neue Perspektiven frei Haus.

Besonders in Erinnerung blieb die Begegnung mit der damals ältesten Oldenburgerin. Mit 108 Jahren erzählte sie den Jugendlichen aus ihrem Leben. Einer von ihnen sagte sinngemäß, für 108 sehe sie noch ziemlich gut aus. Das Leitungsteam hielt kurz den Atem an, doch die Bewohnerin lachte herzlich.

Als sie später starb, traf das die Klasse schwer. Viele weinten. Der Abschied war nicht länger abstrakt, sondern persönlich. Auch für Asya gehören solche Erfahrungen inzwischen zum Berufsalltag. Noch fällt es ihr schwer, diese Erlebnisse nach Feierabend zurückzulassen. Ausgleich findet sie beim Musikhören.

Erfahrung fließt zurück in die Schule

Aus den Besuchen ist noch mehr entstanden. Das Seniorenwohnstift beteiligt sich an Zukunfts- und Praxistagen. Künftig sollen Bewohnerinnen und Bewohner auch ihre Erfahrungen in die Schule tragen. Wie wertvoll das sein kann, zeigte ein von Mitarbeiterin Henny Selig (39) initiiertes Zeitzeugengespräch im Haus. Ein Bewohner berichtete detailliert davon, wie er als Jugendlicher in Oldenburg die Zeit des Nationalsozialismus erlebt hatte. Die Schülerinnen und Schüler hörten konzentriert zu. Geschichte kam hier nicht trocken aus dem Lehrbuch, sondern saß ihnen gegenüber.

Persönliche Erinnerungen machen Krieg, Diktatur und deutsche Teilung greifbar. Solange Menschen davon aus eigener Erfahrung erzählen können, sollen ihre Stimmen gehört werden.

Eine Person mit leuchtend orangefarbenen Haaren und einem geblümten Kleid steht lächelnd mit verschränkten Armen vor einer Wand, die mit Papieren und Plakaten bedeckt ist.
ABOUT

Henny Selig

Leitung soziale Betreuung Hansa Seniorenwohnstift

Aus Begegnung wird Beruf

Dass die Kooperation zugleich Nachwuchs für die Altenpflege fördert, war nicht das ursprüngliche Ziel. Das Ergebnis ist dennoch bemerkenswert. Aus Asyas erstem Jahrgang bewarben sich vier von 15 Jugendlichen um einen beruflichen Einstieg im Haus. Zwei begannen dort eine Ausbildung, zwei weitere blieben über einen schulischen Weg verbunden. Aus dem folgenden Jahrgang kommen erneut zwei Auszubildende. Ein weiterer junger Mensch beginnt hier sein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ).

Für das Haus bedeutet das mehr als Personalgewinnung. Wer über Monate Beziehungen aufgebaut hat, kennt die Menschen, Abläufe und Atmosphäre. Umgekehrt bleibt den Bewohnerinnen und Bewohnern ein vertrautes Gesicht erhalten.

Asya war längst Teil des Hauses, bevor ihre Ausbildung begann. Schon im Praktikum fiel sie auf, weil sie aufmerksam war, mit anpackte und den Kontakt suchte. Für das Team musste sie sich deshalb nicht erst in eine völlig fremde Umgebung einfinden.

Ein lächelnder Mann im Rollstuhl lacht zusammen mit einer jungen Frau, die neben ihm in einer hellen, freundlichen Pflegeeinrichtung steht. Auf dem Tisch daneben liegt ein buntes Brettspiel.

Die Hürden waren im Kopf

Das Projekt kostet Zeit und muss anfangs eng begleitet werden. Trotzdem war am Ende alles viel einfacher als gedacht und die Sorgen vor hinderlicher Bürokratie unbegründet, sagt Güthler: „Die Hürden waren in unseren Köpfen. Die Zusammenarbeit mit Stadt und Schule ist beispielhaft.“

Heute trägt das gesamte Haus die Kooperation mit. Das Betreuungsteam weiß, dass mittwochs Unterstützung beim Bingo gebraucht wird. In den Wohnbereichen entstehen Gelegenheiten zum Vorlesen, Basteln oder Erzählen. Dass die Besuche keine lästige Pflicht sind, zeigt die Anwesenheit. Asyas Klasse war an diesen Tagen fast immer vollständig.

Hier zeigt, dass Generationen keinen spektakulären Anlass brauchen, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Entscheidend sind ein gemeinsamer Ort, Interesse aneinander und Zeit. Die Antworten mögen sich verändern, doch die Fragen bleiben ähnlich: Wie möchte ich leben? Was ist mir wichtig? Was gebe ich anderen mit?

Eine Frau mit langen dunklen Haaren, die eine weiße Bluse mit blauen Blumenmustern trägt, lächelt in die Kamera. Im Hintergrund sind eine unscharfe Uhr und eine Büroumgebung zu sehen.
Auszubildende zur Altenpflegerin

Asya Khalaf Kazim

Asya beschreibt die Atmosphäre im Seniorenwohnstift mit einem Wort: Frieden. Gemeint ist keine völlige Stille. Gerade mittwochs ist es in den Fluren wuselig. Es ist vielmehr das Gefühl, den Kopf freizubekommen und sich auf einen anderen Menschen einzulassen. In Ofenerdiek reicht dafür manchmal ein Mittwochnachmittag.

Follow by Email
Facebook
Instagram
Zum Inhalt springen