Hightech in Heimarbeit: Start-up entwickelt E-Motorrad


David Schoone ist leidenschaftlicher Motocross-Fahrer. Dass er dabei Lärm und Abgase erzeugt, hat den 27-Jährigen aus Schortens jedoch immer gestört. Weil es am Markt keine geeignete Lösung für dieses Problem gab, hat er mit seinem Start-up „Envecotricity“ kurzerhand einen neuartigen Elektroantrieb konzipiert – und die erste modulare E-Enduro entwickelt. Von einem, der sich nicht aufhalten lässt.

28. Februar 2025

Start-up Gründer David Schoone mit seinem E-Motorrad im Wald

©Marco Wittig

Es hätte alles ganz anders kommen können. Im März 2015 liegt noch Raureif auf der Straße, als David Schoone, damals 18 Jahre alt, mit seinem Motorrad zur Schule unterwegs ist. In einer Kurve passiert es: Die Maschine rutscht weg, der Abiturient kollidiert mit dem Trägerpfosten einer Leitplanke und trägt schwere Beinverletzungen davon. Was das Ende seiner Passion hätte bedeuten können, entpuppte sich schließlich als Neustart: Schoone kämpfte sich zurück ins Leben – und aufs Motorrad.

Kein Wunder, die Begeisterung für Motocross steckt tief in ihm. Im Alter von fünf Jahren saß er bereits auf seiner ersten Maschine. Zu einem Zeitpunkt also, an dem andere Kinder gerade Fahrradfahren lernen. „Es hat mir von Anfang an Riesenspaß gemacht“, blickt Schoone zurück. Und zwar so viel, dass er bald sein Wissen über die Funktionsweise von Motoren vertiefte und Reparaturen selbst übernahm. Beinahe logisch erscheint vor diesem Hintergrund die Wahl des Studienfachs: An der Jade Hochschule in Wilhelmshaven studierte er Maschinenbau. „Mein Ziel hieß eigentlich Luft- und Raumfahrttechnik an der TU Braunschweig“, berichtet Schoone, der als Jugendlicher begeisterter Segelflieger war. Dann jedoch passierte jener Unfall und die räumliche Nähe zum Studienort bekam plötzlich eine große Bedeutung.

©Envecotricity

Mit seinem Start-up entwickelt Schoone ein E-Motorrad

Der Wechsel sollte sich jedoch auszahlen. Mit dem Wissen eines Ingenieurs konnte der junge Motocrosser endlich umsetzen, was ihn schon länger bewegte. Dem Klischee des Motorradfahrers als selbstbezogener Adrenalinjunkie entspricht Schoone nämlich nicht. Im Gegenteil: Dass er beim Fahren in freier Wildbahn zwangsläufig andere störte, missfiel ihm. Das muss doch auch anders gehen, dachte er sich. Ging es bis dahin aber nicht. Also machte sich der leidenschaftliche Bastler selbst an eine Lösung – und erfand den Elektroantrieb für leichte Motorräder kurzerhand neu.

„Die Konzepte am Markt passten für die Anforderungen im Gelände nicht“, beschreibt David Schoone das Problem. Herkömmliche Nabenantriebe überzeugten zwar durch geringe Lautstärke und wenig Wartungsaufwand. Doch sie waren schwer und leistungsschwach, fürs Gelände somit denkbar ungeeignet. Schoone löste diesen Widerspruch auf. Er baute den Motor nach dem Axialflussprinzip auf, mit dem er bei kompakter Größe ein hohes Drehmoment erreichen konnte. Die Gefahr einer Überhitzung bannte er dabei mit einer eigens entwickelten Wasserkühlung. So entstand ein kleiner und leichter, aber sehr leistungsstarker Motor, der auf bis zu 135 Kilometer pro Stunde beschleunigen kann. „Viele Elemente gab es vorher schon, sie wurden aber noch nie so kombiniert“, bleibt der talentierte Konstrukteur bescheiden. Genau das aber machte seine Idee so einzigartig, dass dafür ein Patent erteilt wurde.

Erfolg für den Einzelkämpfer

Es waren also nicht die Forschungsabteilungen von Branchenriesen wie Honda oder Kawasaki, denen diese Innovation gelang, es war ein Einzelkämpfer aus Friesland. „Die großen Hersteller haben das Thema E-Mobilität bisher vernachlässigt“, stellt Schoone fest. Das Feld werde vor allem von Kleinstunternehmen bespielt, zu denen auch „Envecotricity“ zählt. Übrigens ist selbst dieser Name eine Konstruktion: Der junge Gründer nahm Bauteile der Begriffe Environment, Ecology und Electricity und montierte sie zu einem neuen Wort. Der starke Bezug zur Umwelt ist kein Zufall, denn das Thema Nachhaltigkeit denkt Schoone so konsequent wie kaum ein anderer. Beim Antrieb macht er keineswegs halt – sein Motorradkonzept ist gleichzeitig modular. Durch zusätzliche Akkus kann man aus der leichten Enduro ein reisetaugliches Adventure-Bike mit 400 Kilometern Reichweite machen. „Dadurch wird ein Zweitmotorrad für die Straße verzichtbar“, nennt der Tüftler einen entscheidenden Vorteil.

©Marco Wittig

Zurzeit produziert Schoone noch Prototypen, so dass er keine Lieferverträge abschließen kann, die hohe Stückzahlen verlangen. „Bei einem Akkuhersteller habe ich mal für 300 Stück angefragt, er lieferte aber erst ab 1,5 Millionen Einheiten“, lacht der Maschinenbauer über Schwierigkeiten der Frühphase. So baut er nicht nur viele Teile selbst, sondern sogar Maschinen, mit denen er jene Teile herstellt. Aus der Garage seiner Eltern ist auf diese Weise beinahe eine kleine Fertigungsstraße geworden.

Abseits der Klischees bewegt sich Schoone auch in der Gründerszene. „Viele Start-ups werden aufgebaut, um schnell zu wachsen und dann verkauft zu werden“, weiß der Jungunternehmer. Sein Ziel sei das nicht. „Ich habe hier über viele Jahre etwas aufgebaut. Das ist meine Leidenschaft.“ Deswegen könne er sich zwar vorstellen, für seine patentierte Antriebs-Innovation Lizenzen zu verkaufen oder Kooperationen einzugehen, „Envecotricity“ will er aber fortführen. „Am liebsten als Manufaktur mit Kleinserien.“

Viele Start-ups werden aufgebaut, um schnell zu wachsen und dann verkauft zu werden. David Schoone verfolgt ein anderes Ziel.

©Marco Wittig

Der Plan in der Schublade

Und wenn alles erreicht ist und seine Motorräder im ganzen Land über Buckelpisten und Autobahnen sausen? Ist für David Schoone längst noch nicht Schluss. Er arbeitet bereits an seinem nächsten Projekt: einen Akku, bei dem man einzelne Zellen auswechseln kann. „Das würde die Lebensdauer deutlich erhöhen und dafür sorgen, dass die knappen Rohstoffe länger genutzt werden.“ Unmöglich umzusetzen, attestierten Fachleute. Doch für Schoone scheint zu gelten: Geht nicht? Gibt’s nicht!

Noch befindet sich „Envecotricity“ in der Prototypenphase, mit einem EXIST-Gründungsstipendium sollen nun aber die letzten Schritte zur formellen Unternehmensgründung und zur Serienfertigung erfolgen. Viel spricht also dafür, dass in der Schortenser Garage bald noch mehr Hightech in Heimarbeit entstehen wird. Denn: Aufhalten lässt sich David Schoone nicht – nicht einmal von einem Crash.

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