„Man sitzt allein im Flugzeug und weiß, jetzt greift keiner mehr ein.“
Segelflieger Oliver Springer
Wind, Weitsicht, Wolkenstraßen
Es gibt Menschen, die von Abenteuern träumen. Und es gibt Menschen wie Oliver Springer, die morgens den Wetterbericht studieren, eine Karte ausbreiten und dann mit wenig mehr als Sonnenenergie 500 Kilometer weit fliegen. „Freiheitsliebe“, sagt der 59-Jährige aus Oldenburg, „das war wahrscheinlich immer mein Antrieb.“
Wenn Oliver Springer heute über sein Leben spricht, klingt das nicht nach waghalsiger Selbstinszenierung. Sondern nach jemandem, der einfach nie aufgehört hat, nach oben zu schauen. Springer ist praktisch auf dem Flugplatz groß geworden. Beide Eltern flogen, und schon als Fünfjähriger verbrachte er Wochenenden in Bad Zwischenahn auf dem Flugfeld. Während andere Kinder auf Bolzplätzen standen, zog er später Schleppseile mit dem Traktor über das Gelände. „Wir waren eine richtige Jugendgruppe“, erinnert er sich. Freitags mit dem Fahrrad raus, sonntags zurück. Fliegen war kein exotisches Hobby, sondern fast Alltag.
Mit 14 durfte er selbst ins Cockpit. Am Ende der ersten Saison folgte der erste Alleinflug. Ein Moment, der sich eingebrannt hat. „Man sitzt allein im Flugzeug und weiß, jetzt greift keiner mehr ein.“ Natürlich unter Aufsicht am Boden, nach intensiver Ausbildung und doppelter Prüfung durch zwei Fluglehrer. Doch in der Luft ist man auf sich gestellt. Dieses Gefühl, mit 14 Jahren Verantwortung zu tragen, wurde zum ersten echten Schritt ins Abenteuer.
„Freiheitsliebe – das war wahrscheinlich immer mein Antrieb.“
Wenn aus fünf Minuten elf Stunden werden
Was als kurzer Platzflug beginnt, kann sich zu einem Tag entwickeln, der den Horizont verschiebt. Im Segelflug entscheidet die Thermik. Warme Luft steigt auf, trägt das Flugzeug in Spiralen nach oben. Von dort gleitet man weiter zum nächsten Aufwind. An guten Tagen bleibt Springer acht oder neun Stunden in der Luft. Dreimal ist er bereits von Bad Zwischenahn aus über 1000 Kilometer geflogen.
„Man weiß oft bis ein oder zwei Stunden vor Schluss nicht, ob man sein Ziel erreicht“, sagt er. Die Thermik wird schwächer, die Abstände zwischen den Aufwinden größer. Ein falscher Entschluss kann bedeuten, auf einem Acker zu landen. Der sportliche Ehrgeiz verbietet den Motor, obwohl sein Flugzeug ein Hilfstriebwerk besitzt.
Im Geradeausflug erreicht er 180 bis 200 Kilometer pro Stunde, der Tagesschnitt liegt bei etwa 110. Doch Geschwindigkeit ist nicht der Kern der Faszination. Es ist das Lesen der Landschaft. Trockene Felder, Waldrücken, Wolkenstraßen. Große Wasserflächen meidet er, weil sie die Luft abkühlen. Jede Linie am Himmel erzählt etwas über Energie, die unsichtbar aufsteigt.
Freiheit mit System
Wer Springer zuhört, merkt schnell, dass Segelfliegen weniger romantisches Schweben als hochkonzentrierte Analyse ist. Lufträume müssen beachtet, Funkfrequenzen gewechselt, Höhenbeschränkungen eingehalten werden. Besonders bei Streckenflügen mit Ziel Polen wird es komplex. „Der segelfliegerische Teil ist sicher“, sagt er. „Spannend wird es, wenn man durch unbekannte Lufträume navigiert. Dort ist eine permanente Kommunikation mit der polnischen Flugaufsicht nötig – das bindet die Konzentration erheblich.“
Und doch bleibt da dieses fast kindliche Staunen. In Namibia, wo Springer regelmäßig fliegt, steigt er auf 4000 bis 5000 Meter Höhe. Mit Sauerstoff, über der Kalahari, zwischen gewaltigen Gewitterzellen und gleißendem Licht. Dort gibt es kaum Beschränkungen. Der Tagesrhythmus reduziert sich auf das Wesentliche: frühstücken, fliegen, essen, schlafen. Zwei Wochen lang nur Himmel.
Auch Südfrankreich gehört zu seinen Sehnsuchtsorten. Einmal im Jahr trifft er dort alte Weggefährtinnen und -gefährten aus Zeiten der Juniorennationalmannschaft. Man fliegt anspruchsvoll, misst sich, diskutiert Linienwahl und Wolkenbilder. Doch mit 59 gewinnt ein anderer Aspekt an Bedeutung. „Freundschaftspflege wird wichtiger“, sagt er. Abenteuer ist heute nicht nur die Strecke, sondern auch das Wiedersehen.
„Man weiß oft bis ein oder zwei Stunden vor Schluss nicht, ob man sein Ziel erreicht.“
Lehrer, Vorsitzender, Möglichmacher
Springer ist nicht nur Pilot, sondern auch Fluglehrer und Vorsitzender des Luftsportvereins Oldenburg – Bad Zwischenahn e. V. Zwölf Fluglehrer arbeiten dort ehrenamtlich. Alle übernehmen mehrere Dienste pro Jahr. Wer neu einsteigt, zahlt für das Schnupperwochenende 100 Euro. Aber Segelfliegen ist weniger ein Sport für Menschen, die absolute Planbarkeit suchen. Es ist etwas für Neugierige, für Freiheitsliebende, für diejenigen, die bereit sind, Zeit zu investieren und sich auf das Ungewisse einzulassen. Wer lernen möchte, Entscheidungen selbst zu treffen, Verantwortung zu übernehmen und sich von Wind und Wetter nicht abschrecken lässt, findet hier sein Element. Geduld gehört ebenso dazu wie Konzentration und die Bereitschaft, immer wieder neu zu lernen. Abenteuerlust hilft, aber noch wichtiger ist die Freude daran, Natur nicht nur zu beobachten, sondern aktiv mit ihr zu arbeiten.
Besonders prägend sind für ihn die Momente mit Jugendlichen. Er erzählt von einem 14-jährigen Flugschüler, der in den ersten Monaten schüchtern und zurückhaltend wirkte. Beim ersten Alleinflug löste sich etwas. „Ich habe ihn zum ersten Mal lächeln sehen, er hat richtig gestrahlt.“ Es sind solche Augenblicke, in denen Fliegen mehr ist als Technik. Es wird zur Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Wer allein startet und landet, wächst.
Wettbewerb und Demut
2022 wurde Springer Dritter bei der Europameisterschaft. Ein Erfolg, der in einem Sport, der Konzentration und Kondition verlangt, mit Mitte fünfzig keine Selbstverständlichkeit ist. Wettbewerbe dauern zwei Wochen, jeden Tag ein neuer Wertungsflug. Ein grober Fehler kann alle Chancen zerstören. „Man braucht Ausdauer und Entschlossenheit“, sagt er nüchtern.
Das Abenteuer im Wettbewerb liegt nicht im Risiko, sondern in der täglichen Entscheidung, sich auch nach schlechten Ergebnissen wieder aufzurappeln. 14 Tage lang diszipliniert planen, gut schlafen, körperlich fit sein und die mentale Stärke aufrecht halten – alles neben Job und Familie – das ist nötig, um in der Luft sportliche und sichere Leistung zu bringen.
Nur die Sonne als Antrieb
Wenn Springer seine Leidenschaft in einem Satz beschreiben soll, kommt er immer wieder auf die Freiheit zurück. Auf die Tatsache, dass er mit einem rund 600 Kilo schweren Flugzeug hunderte Kilometer weit fliegt, allein mit der Energie der Sonne. Keine Turbinen, kein Kerosin. Nur warme Luft, die aufsteigt. „Nach Polen und zurück“, sagt er und lächelt, „nur mit der Kraft der Natur.“
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