Eine Person im roten Schneeanzug und mit Rucksack begibt sich auf ein Abenteuer und wandert durch den Tiefschnee zu einer schmalen Passage zwischen hoch aufragenden Eisfelsen unter einem klaren Himmel.

Raus aus der Komfortzone

Wenn das Abenteuer ruft

Für die eine ist es eine Mount-Everest-Besteigung, für den anderen eine besondere Bekanntschaft – wann wir das Gefühl haben, mitten in einem Abenteuer zu stecken, ist ganz subjektiv. Das bewusste Verlassen vorgegebener Pfade liegt in unserer Natur, lässt uns über uns selbst hinauswachsen und schenkt uns neue Perspektiven auf die Welt. Warum es dafür nicht unbedingt Extremerlebnisse braucht und warum wir vielleicht lieber von „ersten Malen“ sprechen sollten.

Wenn sich ein Ritter im Mittelalter einem „âventiure“ (heute: Abenteuer) aussetzte, stand für ihn so einiges auf dem Spiel. Durch Turnierspiele, die Rettung einer Dame oder das Bereisen gefährlicher Landstriche sollten sein Mut, seine Ehre und sein Charakter auf den Prüfstand gestellt werden. Bei diesen Unterfangen nahm der Geprüfte die Ungewissheit des Ausgangs sowie große Risiken in Kauf – vom Verlust der Ehre über schwere Verletzungen bis hin zum Tod. Erfolgreich aus einem „âventiure“ hervorzugehen, bedurfte also großer Tapferkeit, wurde aber auch mit persönlichem Wachstum und gesellschaftlichem Ansehen belohnt.

Von Natur aus abenteuerlustig

Auch wenn wir uns heute nicht mehr in Turnierspielen oder Kämpfen beweisen müssen, um unseren Platz in der Gesellschaft zu sichern, wohnt uns die Abenteuerlust inne. Das Bedürfnis, etwas Neues zu erleben, uns über unsere Grenzen hinauszuwagen und (uns) ständig zu entdecken, gehört zu unserem Menschsein. Und das von Klein auf. Der Antrieb hinter vielen Erfindungen, die unsere moderne Welt bereichern? Hinter der Entdeckung von Kontinenten und Spezies oder neuen Erkenntnissen in der Wissenschaft? Entdeckergeist, Abenteuerlust. „Wir möchten ständig unseren Raum erweitern, an Klugheit dazugewinnen. Das ist ein typisch menschlicher Zug. Entwickeln wir uns nicht weiter, stagnieren wir nicht nur, sondern bilden uns zurück. Deshalb gehören Abenteuer unbedingt zu einem erfüllten Leben dazu“, bringt es Diplom-Psychologe Dr. phil. Matthias Probandt auf den Punkt. Er betreut von Paaren in Beziehungskonflikten über Führungskräfte bis hin zu Klientinnen und Klienten mit Angststörungen Menschen in den verschiedensten Situationen außerhalb ihrer Komfortzone. Im Experteninterview, nur ein paar Seiten weiter, verrät er uns, warum wir uns regelmäßig überfordern sollten und was in unserem Gehirn passiert, wenn wir uns auf unbekanntes Terrain wagen.

Seglerinnen Anna und Malin:  Sechs Jahre an Board

Einmal für längere Zeit reisen, am liebsten der Sonne hinterher – für Anna und Malin markiert dieses Vorhaben den Beginn einer fast sechsjährigen Reise auf dem Segelboot. 2019 kaufen beide kurzerhand „Fiete“ auf Kleinanzeigen. Segelerfahrung? Kaum vorhanden. Sie legen einfach mal los. Auf ihrer ersten Reise schaffen sie es über die Niederlande, Belgien und Frankreich bis ins Mittelmeer, schlagen dann aber vor der französischen Küste Leck. Trotzdem setzten sie immer wieder die Segel neu, brechen immer wieder auf. Sie segeln direkt am Eiffelturm vorbei, hinein in das Weltnaturerbe Nærøyfjord, werden von Delfinen begleitet und fahren durch Nacht und Naturgewalten. Trotzdem beschreiben sich beide nicht als abenteuerlustig – es sind der Drang nach Freiheit, die Neugier und der Spaß am Reisen, die sie immer wieder aufbrechen lassen. Ihre Heimat, obwohl die beiden ihr Zuhause stets mit dabeihaben? Immer noch Oldenburg.

Welchen Herausforderungen Anna und Malin auf ihren Reisen begegnen und wie der Alltag an Bord eines Segelboots aussieht, erzählen sie hier:

Zwei lächelnde Menschen auf dem Deck eines Segelbootes, die ihr Segeln Abenteuer genießen; einer steht mit weit ausgebreiteten Armen, während der andere in die Kamera zwinkert. Im Hintergrund: blauer Himmel, Meer und ein Boot mit deutscher Flagge - Anna Malins Weltreise in vollem Gange.

Immer extremer?

Um noch einmal auf das mittelalterliche „âventiure“ zurückzukommen: Mit wirklich existenzbedrohenden Abenteuern wie einem Duell oder dem Erkunden feindlicher Landstriche sind heute die wenigsten von uns konfrontiert. In unserer modernen Gesellschaft sind Nahrung, Information, Transportmöglichkeiten oder Unterhaltung jederzeit verfügbar – oft auf Knopfdruck. Die meisten Menschen leben (gottseidank) in einer Welt der Sicherheit und des Komforts. Selten haben unsere Erlebnisse unmittelbare, dramatische Folgen für Leib und Leben; stellen wirklich eine Prüfung unseres Charakters dar. Braucht es also extremere Umstände, damit wir noch echtes Abenteuer erleben können?

Tatsächlich verstehen die meisten von uns heute unter „Abenteuer“ wohl Extremerlebnisse, die uns tatsächlich an unsere körperlichen und mentalen Grenzen bringen. Die Besteigung von 8000ern, das Auswandern in ein fremdes Land auf unbestimmte Zeit, die Durchquerung einer Wüste oder der Antarktis, ein Sprung aus dem Flugzeug auf mehreren tausend Metern Höhe. Indoor-Surfen, Lasertag, Escape-Rooms oder Bodyflying – der schnelle Adrenalinkick wartet an jeder Ecke, neue Angebote schießen ständig aus dem Boden. Der Markt für Abenteuer- und Extremsport-Tourismus boomt, soll sich bis 2034 global verdreifachen.(1)

„Abenteuer gehören unbedingt
zu einem erfüllten Leben dazu.“

Diplom-Psychologe Dr. phil. Matthias Probandt

Echtes Abenteuer kommt von innen

Wagnis-Forscher Professor Siegbert Wartwitz hat untersucht, wie Kinder und Jugendliche das Thema Abenteuer sehen. Angesprochen darauf, welche eigenen praktischen Erfahrungen sie in diesem Bereich hätten, nannten viele Vergnügungsparks mit Attraktionen wie Geisterbahnen, Freefall-Towern und Achterbahnen. Den Professor bewegt die Frage, in welcher Form heutige Kinder noch mit „echtem“ Abenteuer in Berührung kommen. Ob als „Leseabenteuer“ oder „Expedition“ – man könne aus seiner Sicht heute „aus sicherer Distanz an [ …] Abenteuern teilhaben, ohne sich selbst zu gefährden.“ „Das Abenteuerbedürfnis wird in Form eines sicheren Konsumguts befriedigt, als Nervenkitzel, der keinen persönlichen Einsatz erfordert und keine negativen Folgen befürchten lässt“, schreibt er. Echtes Abenteuer dagegen setze „Eigeninitiative, die Risikobereitschaft, die Frustrationstoleranz, die Eigenverantwortung, die Bereitschaft, Konsequenzen für Fehlentscheidungen und Fehlverhalten selbst zu tragen und produktiv zu verarbeiten“ voraus.(2)

Apropos sichere Distanz – auch auf Social Media sehen wir ständig, welche spektakulären Abenteuer andere erleben. Influencerinnen auf dem Mount Everest, an den Lost Places dieser Welt, auf Expedition durchs ewige Eis. Likes und Kommentare verstärken den Belohnungseffekt; werfen die Frage auf, ob die gezeigten Erlebnisse noch aus intrinsischer Motivation heraus gesucht werden oder eher der Selbstinszenierung dienen. Kaum geteilt, geben uns Trends, die sich rasend schnell verbreiten, schon die Inspiration für unser nächstes Abenteuer. Das eigene Leben im Vergleich zu diesen Highlights nicht als langweilig zu erleben oder FOMO (fear of missing out) zu verspüren, kann da manchmal schwerfallen.

Polarforscher Michael Trautmann: Job am Ende der Welt

Mit dem Helikopter landet Michael Trautmann auf dem ewigen Eis der Antarktis. Vor ihm: endlose Weite, minus 60 Grad Außentemperatur und acht Monate Isolation. Der 32-jährige Ingenieur aus Oldenburg gehört zu den wenigen Deutschen, die auf der Neumayer-Station III überwintern. Was 2022 als Bewerbung mit gehörigen Zweifeln begann, wird zur Reise seines Lebens. Zwischen Pinguinen, Polarlichtern und extremer Kälte lernt Trautmann nicht nur, wie man diese einzigartige Natur fotografiert und Forschungstechnik am Laufen hält, sondern auch, was Zusammenhalt bedeutet. Dass ihn sein beruflicher Weg einmal in die Antarktis führen würde, hätte er sich vor ein paar Jahren wohl nicht denken können. Über Mut, Fernweh und den Schritt hinaus aus der Komfortzone ins Extrem.

Hier verrät Michael Trautmann, wie der Alltag in einer Forschungsstation auf der Antarktis aussieht und wie er zum Polarforscher wurde:

Eine Person in rotem Winteranzug und grauer Mütze steht mit weit ausgebreiteten Armen lächelnd in einer verschneiten Landschaft vor der hochgelegenen Forschungsstation Polarforschung Trautmann Antarktis.

Zurück zum Wesentlichen

Haben wir also verlernt, was „Abenteuer“ wirklich bedeutet? Und wie man eins erlebt? Wer sich herausfordern will, braucht nicht immer einen freien Fall aus mehreren tausend Metern Höhe oder eine risikoreiche Reise in die entlegendsten Gebiete der Welt. Das Abenteuer wartet an jeder Ecke. Es beginnt immer dann, wenn wir bewusst unsere Komfortzone verlassen – mit ungewissem Ausgang, dem ganz realen Risiko, zu scheitern, etwas zu verlieren oder unverrichteter Dinge wieder zurückzukehren. Oder aber über uns hinauszuwachsen und dazuzugewinnen, ob neues Selbstbewusstsein, schöne Erinnerungen, eine andere Perspektive auf die Welt oder etwas Materielles. Ganz entscheinend dafür ist aber, dass wir uns abseits bereits geebneter Pfade bewegen – kurz: dass es auch mal unbequem wird. „Abenteuer fängt dann an, wenn wir uns aus dem kartografierten Gebiet herausbewegen, quasi ohne Navigationssystem losfahren“, beschreibt es Dipl. Psych. Dr. phil. Matthias Probandt. „Abenteuer ist immer auch mit Risiko verbunden.“

Wenn das Herz schneller schlägt, wir eine Mischung aus Neugier und Nervosität spüren, unsere Außenwelt mit allen Sinnen schärfer wahrnehmen – dann sind wir mittendrin in einem Abenteuer.

Abenteuer passiert im Kopf

Wann wir in diesen Zustand geraten, das Gefühl haben, jetzt ein Abenteuer zu erleben, ist sehr subjektiv. Für manch einen, der oder die schon viel erlebt hat, mag es tatsächlich den Nervenkitzel in Form einer extremen Aktivität brauchen. Vielleicht aber auch das genaue Gegenteil: den Alltag mit all seinen kleinen und großen Herausforderungen. „Was man unter Abenteuer versteht, ist sehr individuell und hängt ganz davon ab, von wo aus man losstartet. Erleben wir etwas und lernen Neues dazu, verschiebt sich unsere Nulllinie. Für jemanden mit Ängsten kann schon die Konfrontation einfacher Alltagssituationen einer Mount-Everest-Besteigung gleichen“, bestätigt Dipl. Psych. Dr. phil. Matthias Probandt.

Abenteuer entstehen also nicht nur durch die äußeren Umstände, sondern vor allem in unserem Inneren, im Kopf und im Herzen. Nicht immer durch reales Risiko, sondern vor allem dann, wenn wir neugierig und offen sind, Risiken und Scheitern in Kauf nehmen, Ungewissheit aushalten und uns herausfordern. Ein ganz bewusster Gegenentwurf zum höher/schneller/weiter von Extremerlebnissen: das Mikroabenteuer, ein intentional gewählter kleiner Ausbruch aus unserem Alltag, der auch ohne weite Reisen oder große Risiken auskommt. Ob Nachtwanderung, das Zelten im eigenen Garten, ein früher Sonnenaufgang oder eine spontane Fahrradtour nach der Arbeit – all das kann uns herausfordern, überraschen und uns neue Perspektiven eröffnen. Für viele Menschen macht die Natur mit ihrer Unvorhersehbarkeit solche Erlebnisse besonders intensiv, holt sie ins Hier und Jetzt.

Wind, Weitsicht, Wolkenstraßen: Segelflieger Oliver Springer

Mit nichts als Sonnenenergie 1000 Kilometer weit fliegen: Für Oliver Springer ist das kein waghalsiges Abenteuer, sondern gelebte Leidenschaft. Der 59-jährige Segelflieger aus Oldenburg studiert morgens den Wetterbericht, liest Wolken wie andere Menschen Landkarten und steigt dann stundenlang in unsichtbaren Aufwinden. Was als Jugendtraum auf dem Flugplatz begann, wurde zu einem Leben zwischen Thermik, Wettbewerben und Wüstenhimmel. Springer vertraut auf Präzision statt Risiko, auf Erfahrung statt Motor. Sein Antrieb ist die Freiheitsliebe – und die Gewissheit, dass jede Entscheidung in 2000 Metern Höhe zählt. Über Konzentration, Demut und die Kraft der Natur, die trägt, wenn man gelernt hat, sie zu verstehen.

Hier berichtet Oliver Springer, auf was es beim Wettbewerb in der Luft ankommt und wie er anderen seine Leidenschaft näherbringt:

Ein älterer Mann mit Brille und kurzen, hellbraunen Haaren sitzt im Haus, trägt ein weißes Kragenhemd unter einem dunklen Pullover und schaut nachdenklich zur Seite, als träume er von der Freiheit, die er im Segelfliegen findet. Hinter ihm hängt ein gerahmtes Kunstwerk an der Wand.

Aber Abenteuer kann sogar noch kleiner anfangen: durch das Erlernen einer Sprache, das Aneignen von Wissen in einem bestimmten Bereich, neue Hobbies oder Bekanntschaften. Auch Beziehungen jeder Art, ob romantisch oder platonisch, sind immer ein Wagnis. Ihre dynamische, unvorhersehbare und emotional intensive Natur lassen uns ständig dazulernen. Für andere Menschen mag der Beruf dagegen ein Abenteuer sein – ob durch das Antreten einer neuen Stelle, einen Karrierewechsel, die Selbstständigkeit oder „nur“ ein herausforderndes Projekt mit viel Verantwortung. Vielleicht sollten wir statt von „Abenteuer“ lieber öfter von „ersten Malen“ sprechen. Denn die erleben wir immer wieder, in allen Lebensphasen, auch wenn sie anderen noch so klein erscheinen mögen.

Erste Male, ein Leben lang

Im Kindesalter sind wir besonders abenteuerlustig. Abenteuer spielen für unsere Entwicklung eine wichtige Rolle, definieren unsere Persönlichkeit, schenken uns Selbstvertrauen und soziale Kompetenzen. Durch unsere angeborene Neugier entdecken wir uns selbst und die Welt um uns herum. Kinder- und Jugendpsychologe Urs Kiener erklärt, dass es dafür nicht viel braucht: „Kinder möchten in der freien Natur spielen und sie entdecken. Sie graben mit ihren Händen ein Loch, befüllen es mit Wasser, sie entdecken einen Baum und die Tiere, die darauf leben.“(3) Aber auch, wenn unsere Kindheit längst abgeschlossen ist, erleben wir noch ständig Neues. Spannend dabei: Unsere Lust am Abenteuer, zumindest an extremen Erlebnissen, nimmt schon ab 34 Jahren ab, wie eine Studie herausfand. Viele würden sich ab Mitte 30 erstmals ihrer körperlichen Grenzen bewusst, verschwunden sei das Gefühl, alles schaffen zu können.(4) Die ersten Male aber bleiben – ob eine neue Liebe und vielleicht Partnerschaft, ein Umzug, besondere Reisen oder der Arbeitsalltag. Sie bereichern uns ein Leben lang.

Auch im Oldenburger Land winkt das Abenteuer (oder das erste Mal!) an jeder Ecke. Ob nun in der Natur, an der Hunte, dem Zwischenahner Meer, dem Hasbrucher „Urwald“ und dem Moor, oder bei Veranstaltungen wie dem Kultursommer. Wer es doch etwas aktiver mag, probiert sich im Kletterwald oder beim Segelfliegen aus. In diesem Heft finden Sie dafür genug Inspiration. Die anderen nehmen vielleicht einfach mal einen anderen Weg zur Arbeit oder freunden sich mit dem neuen Nachbarn oder der Nachbarin an. Hauptsache, raus aus der Komfortzone, mal wieder etwas Neues wagen. Wann war Ihr letztes Abenteuer?

Quellen:

(1) Online-Artikel: hospitality Inside „Extrem- und Abenteuer-Tourismus boomt“ (17.10.2025)
(2) Online-Artikel: Focus Online „Echte Abenteuer statt Freizeitpark – was Kinder wirklich stark macht“ (04.12.2025)
(3) Online-Artikel: Concordia „Kinderpsychologie: Warum suchen Kinder das Abenteuer?“ (abgerufen am 27.02.2026)
(4) Online-Artikel: Geo „In diesem Alter verlieren wir die Lust am Abenteuer“ (abgerufen am 27.02.2026)

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